Die halbe Wahrheit ist auch gelogen

Alkohol und Jugend als Futter der Sensationspresse

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"Alkohol: Alarmierende Studie" titelt die Krone, "Ernüchternde Studie über Jugend-Laster" schreibt die Kleine Zeitung. "Sechs Schnäpse täglich" liest man gar als Schlagzeile im Kurier.

Die Rede ist von den österreichischen Jugendlichen, die laut der kürzlich veröffentlichten ESPAD-Studie in Europa beim Alkoholkonsum den Spitzenplatz einnehmen. Wahr daran ist, dass die österreichischen Jugendlichen tatsächlich in einigen Aspekten voran liegen. Aber schauen wir uns – wie sich das eigentlich gehört – die Dinge einmal genauer an.

Wie kommt die Aussage, dass die österreichischen Jugendlichen am meisten Alkohol trinken, zustande und was bedeutet sie?

Gefragt wurden 15-16-Jährige, ob sie im Laufe des letzten Jahres zumindest einmal Alkohol konsumiert haben. Auf diese Frage haben 92% der österreichischen Jugendlichen mit JA geantwortet und damit den Höchstwert erzielt. Aber ist das auch schon problematisch? Man muss sich wohl viel eher wundern, dass nicht 100% mit JA antworten, denn die Zahl jener, die nicht einmal bei Silvester oder ähnlichen Anlässen mit einem Gläschen anstoßen, dürfte verschwindend gering sein. Kurzum: Man darf mit ein wenig Hausverstand und Lebenserfahrung wohl davon ausgehen, dass es für 15-16Jährige ziemlich normal ist, zumindest einmal im Jahr Alkohol zu konsumieren und dass dies sicher keine „alarmierende“ neue Situation ist.

Wie viel trinken die österreichischen Jugendlichen?

Abgefragt wurde die Menge, die beim letzten Trinkanlass, also z.B. beim Ausgehen am letzten Wochenende konsumiert wurde. Rechnet man die in der Studie genannten Zahlen in konkrete Getränke um, kommt heraus: 2 große Biere! Müssen wir uns darüber wirklich geschockt zeigen?

Sechs Schnäpse täglich?

Dass diese Zeitungsmeldung der blanke Unsinn ist, muss an sich gar nicht weiter erklärt werden. Wo sind diese offenbar ständig angesoffenen Jugendlichen bloß? Weder in den Schulen oder Familien wird man sie, wenn man nicht mit den Scheuklappen der Skandalpresse am Kopf durch die Welt geht, finden. Die Journalistin, die das berichtet, kolportiert offenbar ohne nachzudenken einen Erhebungsfehler der Studie.
Alfred Uhl, österreichweit anerkannter Alkoholforscher beim Ludwig-Boltzmann-Institut für Suchtforschung, stellt richtig: "Die Ergebnisse sind sehr fragwürdig. Die Angaben sind in hohem Maße unverlässlich. Wir hätten den Fragebogen gerne stärker überarbeitet, konnten das aber nicht durchsetzen." Weil ihm die Ergebnisse im Vorjahr zu hoch schienen, führte er parallel eine Validitätsstudie durch. Ergebnis: Viele haben die Fragen nicht richtig verstanden. So wurde die Menge des konsumierten Alkohols überschätzt. Nach den Zahlen, sagt Uhl, "müssten 13% der Befragten tot sein". Uhl, der am Anton-Proksch-Institut die Suchtpräventionsforschung und -dokumentation koordiniert, glaubt nicht, dass Jugendliche heute mehr trinken als früher. Sie erleben den ersten Rausch nur in jüngeren Jahren, "weil heute alles früher stattfindet. Das bedeutet aber nicht, dass es langfristig mehr Probleme geben wird." Dass wir trinkende Teenager heute stärker wahrnehmen als früher, liegt auch daran, sagt Uhl, dass Alkoholräusche früher nicht so dramatisch gesehen wurden. Das Bewusstsein sei gestiegen. Ärzte würden verlässlicher dokumentieren. Früher stand statt "Alkoholisierung" oft schlicht "Kreislaufprobleme", was aus seiner Sicht die steigende Zahl an Spitalsbehandlungen erklärt.

Fazit

Man darf bestimmte problematische Entwicklungen, beispielsweise beim Konsumverhalten Jugendlicher nicht herunterspielen. Sie sind teilweise und in spezieller Form sehr wohl zu beobachten und mögen unter einem bestimmten Blickwinkel betrachtet auch zunehmen. [1] ABER: Man sollte auf jeden Fall darauf verzichten, mit in Richtung Schreckensmeldung journalistisch verkürzten Falschmeldungen mediales Kleingeld zu machen.

Für die Suchtprävention ist dies insofern ein wirklich wichtiger Punkt, weil dergleichen Meldungen ja auch die öffentliche Einschätzung beeinflussen, vor allem bei weniger kritischen Leser/innen. Insbesondere junge Menschen werden dadurch den Eindruck gewinnen, dass übermäßig starker Alkoholkonsum unter den österreichischen Jugendlichen inzwischen sozusagen normal, also die Norm ist. Und wenn ich das nicht so halte, mag so manche/r sich denken, stimmt wohl mit mir etwas nicht – ich sollte mich wohl der Mehrheit angleichen, um nicht als Sonderling und Weichei zu gelten.

Die Suchtprävention ist demgegenüber bemüht, Jugendlichen und Erwachsenen fundierte Zahlen zu liefern, damit wir auf dem Boden der Realität bleiben, der zwar nicht so spektakulär ist, aber andere Perspektiven eröffnet: Der Alkoholkonsum nimmt in Österreich seit den 70er-Jahren langsam aber stetig ab. Der Großteil der Jugendlichen konsumiert wenig Alkohol, jedenfalls deutlich weniger als die Erwachsenen. Soviel zu den Fakten.

[1] Siehe dazu z.B. einen aktuellen Befund von Klaus Hurrelmann, einem maßgeblichen deutschen Sozialwissenschaftler.

Klaus Hurrelmann: "Diese Generation fühlt sich betrogen"

Deutschlands maßgeblicher Sozialwissenschafter und einer der Autoren der renommierten Shell-Jugendstudie, Klaus Hurrelmann, prognostiziert eine neue Protestkultur. Die nächste Shell-Jugendstudie wird erst im Oktober 2010 publiziert werden. Die Untersuchung über Lebenswelten und Wertewandel der deutschen Jugend, die 1953 erstmals vom Ölkonzern an ein selektiertes Wissenschaftsteam in Auftrag gegeben wurde, genießt den Ruf, der wichtigste Seismograf für die Befindlichkeit von Deutschlands Teenagern zu sein. Der zigfache Buchautor und Leiter der Studie, Klaus Hurrelmann, prognostiziert schon jetzt "intuitiv" eine massiv steigende Angst der Jugend, "nach der Ausbildung keine Aufnahme ins Berufsleben zu finden". Schon bei der letzten Shell-Studie aus dem Jahr 2006 hatten 50 Prozent der 2500 befragten Interviewpartner (im Alter zwischen zwölf und 25 Jahren) ihre Furcht, keinen adäquaten Job zu finden, an vorderster Stelle ihrer Ängste gereiht. Auf den zu erwartenden "Engpass", so schätzt Hurrelmann, wird es eine andere Form der Reaktion geben: "Diese Generation fühlt sich betrogen. Und ich gehe nicht davon aus, dass vor allem die besser gebildeten Schulabgänger diese Blockaden einfach nur zähneknirschend hinnehmen werden, sondern rechne mit ihrer politischen Aktivierung. Bis jetzt haben sich die ja relativ ruhig verhalten und auf die Haltung beschränkt, noch mehr in die eigene Bildung zu investieren und noch bessere Leistungen zu bringen. Doch das wird in naher Zukunft nicht mehr reichen. Aus der Krise wird sich wahrscheinlich eine neue Protestkultur entwickeln."

Das Basislager für die zukünftigen Rebellen werde verstärkt der "sichere Heimathafen" stellen: "Man traut sich nicht mehr heraus und bunkert sich in der Herkunftsfamilie ein, weil die Angst vor noch größeren Umschichtungen zunimmt. Auch das kristallisiert sich bereits bei der Studie aus dem Jahr 2006 markant heraus."

Der starke Zuspruch zum rechten Lager von Österreichs Jugendlichen bei den letzten Nationalratswahlen machte sich in Deutschland schon bei mehreren Landtagswahlen bemerkbar. Hurrelmann ortet dabei jedoch keine ideologisch motivierte Stimmabgabe: "Da wurden die Parteien gewählt, die das artikuliert hatten, was die Jugend stark bewegt. Die Rechtspopulisten traten mit der Ansage an:, Ihr werdet hier massiv um eure Zukunft betrogen, und wir sind eure Sachwalter und werden uns darum kümmern, dass ihr nicht auf der Strecke bleibt!' Das politische Lager, aus dem das Versprechen auf Perspektiven kam, hatte dabei die geringste Bedeutung." Die "Distanziertheit zur Demokratie" und damit eng verbundene "verschärfte Haltung gegenüber Ausländern" verstärke wiederum bei den jungen Migranten "das Gefühl, in die Ecke gedrängt zu werden und sozial isoliert zu sein: Vor allem die jungen Männer unter den Migranten tendieren als Reaktion darauf zu einer Bunkermentalität, die ein starkes Zugreifen auf die ethnische Identität und alten Männlichkeitsklischees mit sich bringt." Migrantenfrauen neigen - auch in prekären Drucksituationen - weit mehr dazu, "sich aus einer Ghettoisierung zu befreien und den sozialen Aufstieg anzustreben".

Ganz allgemein wird die Jugend der Gegenwart laut Hurrelmann an diesem "wahnsinnigen Spektrum von Anforderungen" wachsend zu leiden haben: "Dieses kollektive, Ich kann das alles nicht schaffen'-Gefühl wird zu einem Grundstau führen, der sich in einem Ansteigen psychosomatischer Verstimmungen, psychischer Erkrankungen und der Flucht zu Betäubungsmitteln wie Psychopharmaka und Alkohol niederschlagen wird." Trotz allem glaubt Hurrelmann "an einen starken Individualismus bei den Jugendlichen, um in dieser komplexen Realität auch nur irgendwie

Quelle: "profil" vom 6.4.2009

 

PLUS - Statements von LehrerInnen

Ergänzung zum Artikel im Newsletter

Die Anmeldung zum neuen Lehrgang PLUS ist bereits möglich (über PH-online unter der Nummer BG5087). Die Einführungsveranstaltung findet am 13.Mai 09 in Innsbruck statt, ein erster ganztägiger Methoden-Workshop für die LehrerInnen der 5.Schulstufe am 21.September 09.

Das von kontakt+co entwickelte Präventionsprogramm PLUS für die 5.-8.Schulstufe wird in Tirol bereits in einigen AHS und HS umgesetzt, ab kommendem Schuljahr geht es österreichweit an den Start und wird auch wissenschaftlich evaluiert werden. Was können nun LehrerInnen berichten, die bereits Erfahrungen mit PLUS im Unterricht gesammelt haben?

Manfred Kern, Direktor der Hauptschule Hall-Schönegg

Warum haben Sie angeregt, das Präventionsprogramm PLUS an Ihrer Schule zu etablieren?
Für mich war die Zielsetzungen des Programms ausschlaggebend. Ein über vier Jahre kontinuierliches und aufbauendes Angebot, das viele Aspekte abdeckt, die für die SchülerInnen unserer Altersgruppe eine tägliche Herausforderung darstellen. „Nur Suchtprävention“ wäre mir zu speziell erschienen, aber der generalpräventive Ansatz hat mich überzeugt.

Wo sehen Sie die Stärken von PLUS im Schulalltag?
In unserer Schule treffen sich Jugendliche aus verschiedensten Herkunftsländern und mit unterschiedlichem sozialem Hintergrund. Die Übungen aus PLUS sind für das Zusammenleben in der Klasse sehr hilfreich, weil sie die SchülerInnen spielerisch miteinander vertraut machen.

Was ist für Sie notwendig, damit PLUS gelingen kann?
Ich glaube, dass ein Lehrerteam, das das Programm in zwei oder mehr Parallelklassen umsetzt, gute Ergebnisse erzielen kann und sich dabei nicht selber überfordern muss! Soziales Lernen, und hier würde ich PLUS einordnen, ist nichts für Einzelkämpfer im Lehrkörper. Zusätzlich zum regulären Unterrichtsstoff in nur einem „Hauptfach“ lassen sich die immer komplexer werdenden Anforderungen des sozialen Lernens nicht „nebenbei“ auch noch unterbringen.

Mag.Günter Widmann, Klassenvorstand am Gymnasium Sillgasse in Innsbruck

Wie fiel Ihre Entscheidung für PLUS?
An unserer Schule hat soziales Lernen schon eine lange Tradition, wir nehmen das gute Miteinander an der Schule sehr ernst. Deshalb war es auch sehr motivierend für mich, als vor zwei Jahren eine große Zahl von Kolleginnen und Kollegen der ersten Klassen sich das Programm PLUS näher anschauen und in den Unterricht einbauen wollten. Wir haben im Herbst dann auch gleich mit einem zweitägigen Workshop für die SchülerInnen außerhalb der Schulmauern gestartet, wo uns die Unterlagen von PLUS sehr hilfreich waren.

Was sehen Sie kritisch an PLUS?
Die Einbettung eines so umfangreichen Curriculums (10 Unterrichtseinheiten als Untergrenze) ist im Unterrichtsalltag nicht einfach zu bewerkstelligen, wenn im Stundenplan kein definierter Platz dafür vorgesehen ist! Extrastunden am Nachmittag sind weder für Lehrer noch für Schüler besonders verlockend, besonders in der derzeitigen Situation nicht!! Mir persönlich liegt es auch eher, spontan Situationen aufzugreifen, die sich gerade ergeben, als Themen zum sozialen Lernen nach einem vorgegebenen Curriculum abzuhandeln. Der Preis dafür ist zugegebenermaßen auch, dass manches auch auf der Strecke bleibt, auch weil oft nicht genug Zeit dafür ist!

Was wären für Sie gute Rahmenbedingungen für die Umsetzung von PLUS?
Damit ein Programm wie PLUS gut funktioniert und die definierten Ziele erreicht werden können, braucht es für mich eine fixe strukturelle Verankerung im Stundenplan und verbindliche Zuständigkeiten. Das ist auch ein deutliches Signal an Schüler und Eltern! Genau so, wie soziale Kompetenzen von den SchülerInnen nicht nur nebenbei erlernt werden, können sie auch von den Lehrpersonen nicht „nebenbei“ vermittelt werden! Dafür braucht es Zeit und einen strukturellen Rahmen. Den hätte sich die Vermittlung so wichtiger Lerninhalte auch verdient!

Monika Leypold, Klassenvorständin in der Hauptschule Kitzbühel

Wie sind Sie auf PLUS aufmerksam geworden?
Eine Kollegin aus meiner Schule hat mich überzeugt. Ich war schon immer offen für Angebote im Bereich soziales Lernen. PLUS kam gerade rechtzeitig, als ich Klassenvorstand in der ersten Klasse wurde.

Gibt es eine besonders erfreuliche Erfahrung im Zusammenhang mit PLUS?
Gefreut hat mich das positive Echo von den Eltern! Das Klassenforum hat der zusätzlichen Unterrichtsstunde einhellig zugestimmt und die Initiative der Schule begrüßt. Durch den Austausch und die gute Kommunikation mit den Eltern sind sogar unterschwellige Konflikte und Belastungen ans Tageslicht gekommen, die gut gemeinsam ausgeräumt werden konnten.

Sehen Sie als Lehrerin PLUS als eine Zusatzbelastung?
Ganz im Gegenteil! Weil es für die Umsetzung von Maßnahmen zum sozialen Lernen bei uns an der Schule eine definierte Unterrichtsstunde gibt, ist das Präventionsprogramm mit den fertig ausgearbeiteten Unterrichtsvorschlägen eine Arbeitserleichterung! Das heißt aber nicht, dass nicht trotzdem fächerübergreifend gearbeitet wird. Ich kooperiere zum Beispiel gerne mit einer Kollegin, die BE in meiner Klasse unterrichtet. Im Manual sind auch dafür Vorschläge enthalten.

Sucht ohne Suchtmittel

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Auf die Frage, was sie mit dem Begriff „Sucht“ verbinden, beschränkten sich die Antworten von Seminarteilnehmer/innen früher häufig auf eine Aufzählung illegaler Drogen. In den letzten Jahren werden zunehmend auch legale Suchtmittel genannt (Alkohol, Tabak, Medikamente). Das Feld möglicher Suchterkrankungen ist damit aber noch nicht vollständig abgeschritten. In jüngerer Zeit finden vermehrt und berechtigter Weise sogenannte Verhaltenssüchte oder stoffungebundene Abhängigkeiten Beachtung.

Glücksspielsucht

Im Gegensatz zu den anderen Verhaltenssüchten wird Pathologisches Spielen als eigenständiges Krankheitsbild erfasst: „Die Störung besteht in häufigem und wiederholtem episodenhaften Glücksspiel, das die Lebensführung des betroffenen Patienten beherrscht und zum Verfall der sozialen, beruflichen, materiellen und familiären Werte und Verpflichtungen führt.“ (ICD-10) Wie bei anderen Abhängigkeiten ist hier der Zwangscharakter und die Fortführung des Verhaltens trotz negativer Auswirkungen zu beobachten. In den letzten Jahren hat das Online-Glücksspiel starke Steigerungsraten verzeichnet (von Sportwetten bis Pokern), das aufgrund der leichten Zugänglichkeit und der hohen Ereignisfrequenz „einladender“ als traditionelle Angebote sein kann.

Die Angaben über die Zahlen der Betroffenen schwanken: „Schätzungsweise kann ca. 0,5 bis 1,0 % der spielenden Erwachsenen als vom Glücksspiel abhängig bezeichnet werden. Weitere drei bis vier Prozent gelten als gefährdet.“ (ISP Linz) „Betroffen sind laut Schätzungen etwa 3% der Erwachsenen.“ (Verein Spielsuchthilfe) Ein Großteil der Betroffenen ist männlich.

Arbeitssucht

Nicht alle, die viel arbeiten, sind auch schon „arbeitssüchtig“. Zur Sucht wird Arbeit dann, wenn sie zwanghaft und mit übersteigertem Perfektionismus ausgeführt wird, wenn die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit nicht mehr funktioniert, wenn die Selbstdefinition nur mehr über Arbeitsleistung stattfindet und wenn Arbeit als ausweichendes Verhalten für andere Probleme dient. Arbeitssucht kann zu schweren psychischen wie physischen Schäden führen (z.B. Burnout, Herzinfarkt), wird jedoch häufig übersehen: „Der Arbeitssüchtige gilt als fleißig, erfolgreich, zielstrebig und leistungsbereit: Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft hoch angesehen sind.“ (Barmer Ersatzkasse)

Zur Verbreitung der Arbeitssucht liegen keine Zahlen vor.

Kaufsucht

Unter Kaufsucht wird das zwanghafte Kaufen verstanden, wobei dabei nicht der Besitz des Produkts, sondern der Vorgang des Kaufens im Mittelpunkt steht. Der gelegentliche „Frustkauf“ ist allgemein bekannt, gefährlich wird es, wenn dieser zur Gewohnheit und später zum unkontrollierbaren Zwang wird, bei dem tiefer liegende Probleme bewältigt und Glücksgefühle gesucht werden. Ähnlich wie die Arbeitssucht gilt die Kaufsucht als eine eher unauffällige Abhängigkeitserkrankung, die oft lange unerkannt bleibt, da Shopping gesellschaftlich gebilligt, um nicht zu sagen erwünscht ist.

„Im Jahr 2004 wurde in Österreich von der Arbeiterkammer Wien eine Studie veröffentlicht mit dem Ergebnis, dass 19,2% der Bevölkerung kaufsuchtgefährdet seien und 5,6% kaufsüchtig. […] Den Studienergebnissen zu Folge sind hauptsächlich Frauen und jüngere Personen von der Kaufsucht betroffen.“ (API)

Sexsucht

Sexsucht bezeichnet ein übermäßig gesteigertes, außer Kontrolle geratenes sexuelles Verlangen bzw. Handeln und kann so weit gehen, dass Familie, Beruf und sexfreie soziale Kontakte vernachlässigt werden. Dieses Verlangen bzw. Verhalten steht häufig in Verbindung mit sexuellen Kontaktmitteln wie Pornografie, Telefonsex oder übermäßiger Masturbation, übermäßigen Sexualkontakten. Als Ursachen für Sexsucht werden häufig traumatische Erfahrungen in der Kindheit oder Minderwertigkeitsgefühle, gestörte emotionale Bindungen, etc. als Folge des Aufwachsens in einer problembelasteten Familie genannt.

Seriöse Zahlen zur Anzahl der Betroffenen liegen nicht vor, in Deutschland werden Werte zwischen 0,5 und 5 % der Bevölkerung geschätzt, wobei deutlich mehr Männer betroffen sein dürften.

Medienabhängigkeit

Wurden Phänomene wie Arbeits- oder Kaufsucht bereits Ende des 19.Jahrhunderts beschrieben, so sind Abhängigkeitsphänomene im Zusammenhang mit elektronischen Medien („Internetsucht“ etc.) naturgemäß jünger und weniger erforscht, auch wenn sie derzeit in aller Munde sind.

Details dazu in unserem Newsletter 2008/04

Sonderfall: Essstörungen

Besser bekannt als manche der bisher genannten Verhaltenssüchte ist die Gruppe der Essstörungen (Magersucht/Anorexie, Ess-Brech-Sucht/Bulimie, etc.), die den psychosomatischen Krankheiten zugerechnet werden. Einige Verhaltensweisen Essgestörter können jedoch suchtartigen Charakter annehmen. Kontrollverlust, Wiederholungszwang und soziale Isolation verbinden die Krankheitsbilder und bestimmen meist den gesamten Alltag der Betroffenen.

90 bis 97% der von Essstörung Betroffenen sind Mädchen und junge Frauen. Insgesamt geht man von über 200.000 Österreicherinnen aus, die zumindest einmal in ihrem Leben an einer Essstörung erkranken. An einem beliebigen Stichtag leiden von allen 15-20jährigen Mädchen mindestens 2.500 Mädchen an einer Magersucht Unter 20-30jährigen Frauen findet man mindestens 6.500 Frauen mit Bulimie. (Fonds Soziales Wien)

News

Umdenken in der globalen Drogenpolitik?

In der globalen Drogenpolitik zeichnet sich ein allmähliches Umdenken ab. An der 52. Konferenz der Uno-Drogenkommission haben sich die Europäer mit ihrem Konzept der Schadensminderung zwar nicht gegen die noch immer auf den Krieg gegen die Drogen fixierten Amerikaner durchsetzen können. Die Uno-Drogenkommission hat nach neuntägigen Verhandlungen ihre 52. Zusammenkunft aber mit Hinweisen auf eine kommende Trendwende abgeschlossen. Dieser liegt die Erkenntnis zugrunde, dass sich das weltweite Drogenproblem nicht, wie bisher dogmatisch postuliert worden war, mittels einer rigorosen Prohibitionspolitik lösen lässt. Diese vor allem durch die Vereinigten Staaten vorangetriebene Politik stützt sich auf die Kriminalisierung des Drogengebrauchs und der Drogenkonsumenten.

Schadensminderung statt Krieg

Hoffnungen auf ein grundsätzliches Umdenken setzen insbesondere die nichtstaatlichen Organisationen in die neue Administration in Washington. Der "Krieg gegen die Droge" sei gescheitert und keine realistische Option mehr, sagen die NGO-Vertreter. Doch die noch unter Präsident Bush eingesetzten amerikanischen Vertreter an der Wiener Drogenkonferenz widersetzen sich nach wie vor der von den Europäern propagierten Linie der "harm reduction", der Schadensminderung. Die EU-Staaten sprechen sich für eine offenere Drogenpolitik aus. Diese würde sich anstelle der bisher vertretenen Kriminalisierung auf Maßnahmen zur Verringerung der durch illegale Drogen angerichteten Schäden beschränken. Im neuen Aktionsplan der Uno-Drogenkommission ist allerdings selbst nach langem Feilschen um diese Formulierung nicht von "harm reduction", sondern lediglich vage von "related supportive services", also von unterstützenden Maßnahmen, die Rede.

Verfehlte Strategie der letzten Jahrzehnte

1998 hatte die Uno-Generalversammlung eine drogenfreie Welt und die Beseitigung oder zumindest signifikante Reduktion der Drogenproduktion zum Ziel erhoben. Doch der Krieg gegen die Drogen, beispielsweise durch Zerstörung von Koka-Plantagen in Lateinamerika, hat sich als Fehlschlag erwiesen. Die gesteckten Ziele wurden nicht erreicht. Antonio Maria Costa, Direktor des UN-Büros für Drogenbekämpfung, nannte nun als wesentliche Aufgabe für die nächsten Jahre nennt Costa den gesundheitlichen Bereich. Es müsse die Aufmerksamkeit auf den Drogenmissbrauch als Krankheit gelenkt werden. Dieser Ansatz sei durch Prävention, entsprechende Behandlungen und die Milderung von Gefahren weiter zu fördern. Erfolge sollten auch eher als Heilung einer sozialen Krankheit und nicht als Krieg gesehen werden.

An der Eröffnungssitzung hatte der bolivianische Präsident Evo Morales eine flammende Rede gehalten und für die Legalisierung des Konsums von Koka-Blättern plädiert. Dieser habe in den Andenländern eine jahrtausendealte Tradition und beruhe zudem für die Bewohner der extrem hoch gelegenen Regionen auf einer physiologischen Notwendigkeit. Morales forderte die Konferenz auf, jenen "historischen Fehler" zu korrigieren, der sich in dem Beschluss der Drogenkommission von 1961 manifestiert habe, das Koka-Blatt unter die zu bekämpfenden Suchtmittel einzuordnen.

Quellen: Der Standard vom 12.3.2009, Neue Zürcher Zeitung vom 21.3.2009

Arbeitsrecht: Alkohol und Rauchen als Kündigungsgrund

Einem alkoholkranken Mitarbeiter kann krankheitsbedingt gekündigt werden. Das gilt insbesondere dann, wenn der Mitarbeiter zum Zeitpunkt der Kündigung nicht bereit ist, eine Therapie zu beginnen. So urteilte das Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz in Mainz. Der betroffene Mitarbeiter, der seit vielen Jahren bei seinem Arbeitgeber beschäftigt war, hatte bereits fünf Abmahnungen erhalten, weil er alkoholisiert bei der Arbeit erschienen war. Nach einer weiteren Abmahnung wurde ihm schließlich gekündigt.

Einem alkoholkranken Mitarbeiter kann krankheitsbedingt gekündigt werden. Das gilt insbesondere dann, wenn der Mitarbeiter zum Zeitpunkt der Kündigung nicht bereit ist, eine Therapie zu beginnen. So urteilte das Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz in Mainz. Der betroffene Mitarbeiter, der seit vielen Jahren bei seinem Arbeitgeber beschäftigt war, hatte bereits fünf Abmahnungen erhalten, weil er alkoholisiert bei der Arbeit erschienen war. Nach einer weiteren Abmahnung wurde ihm schließlich gekündigt.

Die Klage gegen diese Kündigung wies das Gericht auch in zweiter Instanz zurück. Die Kündigung sei gerechtfertigt, weil bei dem Betroffenen auch in Zukunft von einer negativen Gesundheitsprognose auszugehen sei. Denn trotz einer Suchttherapie habe es mehrfach Rückfälle gegeben, aber keine Bereitschaft zu einem weiteren Therapieversuch. Ein Arbeitgeber müsse aber dafür sorgen, dass seine Angestellten niemanden durch ihren Alkoholkonsum gefährden. Das sei bei einem Mitarbeiter, der an Maschinen in der Produktion arbeitet und

Wer mehrfach gegen ein betriebliches Rauchverbot verstößt, muss mit der Kündigung rechnen. Das geht aus einem neuen Urteil des Landesarbeitsgerichts Köln hervor. In dem Fall erhielt ein langjährig beschäftigter Lagerarbeiter eine fristgerechte Kündigung. Zum Schutz der Ware und aus Brandschutzgründen galt im Lager des Lebensmittelherstellers Rauchverbot. Der Mann wurde dennoch vom Geschäftsführer rauchend angetroffen und abgemahnt. Weniger als drei Monate später rauchte er erneut und erhielt die fristgerechte Kündigung.

Die Klage gegen diese Kündigung wies das Gericht auch in zweiter Instanz zurück. Die Kündigung sei gerechtfertigt, weil bei dem Betroffenen auch in Zukunft von einer negativen Gesundheitsprognose auszugehen sei. Denn trotz einer Suchttherapie habe es mehrfach Rückfälle gegeben, aber keine Bereitschaft zu einem weiteren Therapieversuch. Ein Arbeitgeber müsse aber dafür sorgen, dass seine Angestellten niemanden durch ihren Alkoholkonsum gefährden. Das sei bei einem Mitarbeiter, der an Maschinen in der Produktion arbeitet und

Wer mehrfach gegen ein betriebliches Rauchverbot verstößt, muss mit der Kündigung rechnen. Das geht aus einem neuen Urteil des Landesarbeitsgerichts Köln hervor. In dem Fall erhielt ein langjährig beschäftigter Lagerarbeiter eine fristgerechte Kündigung. Zum Schutz der Ware und aus Brandschutzgründen galt im Lager des Lebensmittelherstellers Rauchverbot. Der Mann wurde dennoch vom Geschäftsführer rauchend angetroffen und abgemahnt. Weniger als drei Monate später rauchte er erneut und erhielt die fristgerechte Kündigung.

Quelle: Die Welt vom 11.4.2009

Am Glücksspielmarkt werden die Karten neu gemischt

Wirtschaftskrise und Rauchverbot dämpfen in den Casinos die Spiellust. Internetanbieter, Spielhallen und illegale Spielautomaten mischen den Markt auf. Möglicherweise kommt dabei vor allem einer unter die Räder: der Spielerschutz.

Während die zwölf österreichischen Casinos zuletzt einen operativen Verlust von 8,32 Mio. Euro einspielten1, lag deutschlandweit im vergangenen Jahr das Minus beim Bruttospielertrag bei 20,7 Prozent; in den neun bayerischen Spielbanken sank er sogar um 28,3 Prozent.

Das dicke Minus in Bayern mag zu einem guten Teil an dem strengen bayerischen Nichtraucherschutzgesetz liegen. Betrug nämlich beim großen Spiel - also Roulette, Black Jack und Poker - der Rückgang nur 12,8 Prozent, ging der Ertrag beim Automatenspiel um 33,9 Prozent zurück. Gerade das Automatenspiel ist aber besonders beliebt: Mehr als die Hälfte der Spieler versuchen dort ihr Glück. Studien zeigen, dass fast alle von ihnen auch rauchen. Das Rauchverbot trifft sie besonders. Während nämlich Roulette-Spieler auch einmal für eine Zigarette vor die Tür gehen, lassen Automatenspieler ihr Spielgerät ungern aus den Augen: "Sieben, acht oder auch neun Stunden sind bei süchtigen Spielern keine Seltenheit. Das kontinuierliche Spiel am Automaten dient dazu, sich scheinbar von Alltagsbelastungen frei zu machen", sagt Tobias Hayer, Glücksspielforscher an der Universität Bremen. Wer so lange vor einem Automaten sitzt und gleichzeitig Raucher ist, bekommt schnell ein Problem, wenn er am Platz nicht rauchen darf.

Deshalb, so vermuten die Spielbankbetreiber, wanderten in den vergangenen Monaten viele Spieler ab - verstärkt auch ins benachbarte Ausland, vor allem nach Österreich, wo Rauchen erlaubt ist. Zwar hat Casinos Austria zum 1. Januar alle Restaurants und weite Teile der Spielräumlichkeiten zu Nichtraucherzonen umgestaltet. Das Rauchen ist aber auch weiterhin in einigen ausgewiesenen Bereichen der österreichischen Casinos möglich.

Neben den Casinos in Österreich oder Tschechien gibt es für die bayerischen Spielbanken auch die Konkurrenz im Inland. Auch wenn in Deutschland das Glücksspiel im Netz verboten ist, konnte das den Aufschwung des Onlinepokerns nicht verhindern.

Daneben wächst das Angebot an Spielhallen. Der Umsatz bei den gewerblichen Geldspielautomaten in Spielhallen und Gaststätten wuchs allein 2007 um 12,7 Prozent. Um das Nichtraucherschutzgesetz zu umgehen, haben sich die Spielhallen im vergangenen Jahr fast ausnahmslos zu Raucherclubs erklärt. Gerade für auffällige Spieler sind sie eine willkommene Alternative zu den Spielbanken.

Denn der in der BRD von den Ländern geschlossene Glücksspielstaatsvertrag schreibt seit dem 1. Januar 2008 vor, dass in staatlichen Spielbanken für das Automatenspiel die Ausweiskontrolle Pflicht ist und der Name zum Schutz der Spieler mit einer Sperrdatei abgeglichen werden muss. Für gewerbliche Spielhallen gilt diese Regelung nicht. Dort darf jeder spielen. Einzige Voraussetzung: Man muss volljährig sein. Spieler, die wegen ihres auffälligen Spielverhaltens zu Spielbanken keinen Zutritt mehr haben, holen sich ihren Kick deshalb in den Spielhallen. Kritiker warnen davor, dass damit wichtige Kontrollmechanismen unterlaufen werden und so die Gefahr steigt, dass Spielsüchtige nicht mehr rechtzeitig vom Spiel abgehalten werden.

In Österreich sieht man sich aus der Warte der Casinos mit ähnlichen "hausgemachten" Problemen konfrontiert: 7000 illegale Spielautomaten (in Bundesländern, in denen das "Kleine Glücksspiel" nicht erlaubt ist) und 60 Spielstätten an den Grenzen unterlaufen die Bemühungen um das "Responsible Gaming".

Zwischen 0,19 und 0,56 Prozent der Bevölkerung gelten als spielsüchtig, das sind deutschlandweit zwischen 100 000 und 290 000 Menschen. Hinzu kommen zwischen 150 000 und 340 000 so genannte Problemspieler, vor allem Männer.

Quellen: Die Presse vom 4.4.2009, Die Welt am Sonntag vom 15.3.2009

Rauchverbote in Europa - schießt sich Österreich ein Eigentor?

Laut jüngsten Angaben des italienischen Gesundheitsministeriums haben im vergangenen Jahr 560.000 Raucher auf die Zigarette verzichtet. Allein seit Beginn 2008 ist die Zahl der Raucher um 0,6 Prozent zurückgegangen. 2007 wurden in Italien 50 Millionen Packungen Zigaretten weniger geraucht als noch im Jahr 2006.

Dass ein eindeutiges Rauchverbot etwas bewirkt, untermauert auch die europäische Kardiologie-Gesellschaft anhand von Studien. In den Niederlanden gäbe es seit dem Rauchverbot um 17 Prozent weniger akute Herzerkrankungen. Zum Thema Passivrauchen: "Besonders gefährdet sind ältere Menschen und Personen mit einer Vorerkrankung des Herzkreislaufes", erklärt Gerald Maurer, Vorstand der klinischen Abteilung für Kardiologie an der Medizinischen Universität Wien. Das "Mitrauchen" könne akut einen Infarkt auslösen. Studien beweisen, dass Mitqualmen Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 30 Prozent steigert.

Auch viele Österreicher/innen befürworten inzwischen Rauchverbote in Lokalen. Rund die Hälfte ist mit dem gesetzlichen Rauchverbot in der Gastronomie aber unzufrieden. Der Grund sind die Ausnahmen für kleine Betriebe oder mehrräumige Lokale. Das fragwürdige Nichtrauchergesetz könnte übrigens noch mit einem finanziellen Desaster für die Wirte enden. Falls die EU ab 2010 ein europaweites Rauchverbot durchsetzt, wären alle Umbauten hinfällig und die dafür investierten Gelder vergeudet worden.

Quellen: Kleine Zeitung vom 15.4.2009, Kronen Zeitung vom 6.4.2009

Dummheit oder Krankheit? Alkoholunfälle nehmen wieder zu

Im Vorjahr starben 679 Menschen auf Österreichs Straßen, so wenige wie noch nie. Auch die Zahl der Unfälle mit Verletzten hat laut Statistik Austria einen historischen Tiefststand. Grund für die niedrigen Zahlen sind laut Experten vor allem die hohen Benzinpreise im Vorjahr und die dadurch gesunkene Kilometerleistung, aber auch verbesserte Radarsysteme der Polizei.

Bedenklich ist hingegen der höchste Anteil an Alkoholunfällen seit zehn Jahren. Bereits bei jedem 15-ten Crash ist ein Promillewert über 0,5 im Spiel, die Dunkelziffer dürfte aber ohnehin noch weitaus höher sein. Laut Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV) reißt ein Alkolenker bei einem Unfall durchschnittlich zwei andere Menschen mit ins Unglück.

Bei 0,5 Promille Alkohol im Blut besteht laut Kuratorium für Verkehrssicherheit das doppelte Unfallrisiko wie im nüchternen Zustand, bei 0,8 Promille bereits das fünffache. Die Risikobereitschaft steigt im Bereich von 0,8 Promille um 80 Prozent, Reaktions- und Konzentrationsfehler treten zwei- bis dreimal häufiger auf als im nüchternen Zustand. Die Blickbewegungen des Fahrers reduzieren sich um 30 Prozent. Der so genannte Tunnelblick schränkt die periphere Wahrnehmung drastisch ein. Die Konsequenz: Das Fahrzeug wird vom Fahrer unbewusst in Richtung Fahrbahnmitte gesteuert - die Mehrzahl der Alkoholunfälle sind daher Kollisionen mit dem Gegenverkehr.

In Tirol wurden im vergangenen Jahr 282 Unfälle mit Alkohol am Steuer gezählt - das sind etwa sieben Prozent aller Verkehrsunfälle. Nach einem Rückgang in den Vorjahren stieg die Zahl damit wieder um vier Prozent an. Insgesamt 384 Menschen wurden dabei verletzt, und neun starben.

Die Kärntner Verkehrsunfallstatistik für 2008 weist auf eine andere Besonderheit hin: Zwar ist hier die Zahl der stark alkoholisierten Verkehrsteilnehmer zurückgegangen, die Zahl der aufgegriffenen Personen mit Minderalkoholisierung hat allerdings zugenommen. Und: Immer mehr Verkehrsteilnehmer werden bei Tag alkoholisiert aufgegriffen. Die Menschen trinken auch bei der Arbeit, und dies zieht sich durch alle Berufsschichten.

Österreichweit müssen durchschnittlich etwa 20.000 Alkolenker pro Jahr zur Nachschulung. Nicht wenige von ihnen dürften ein schon mehr oder weniger chronisches Alkoholproblem haben. Aus Sicht der Suchtprävention sollten Anstrengungen unternommen werden, diese Personengruppe gezielter auf die Problematik anzusprechen und zu motivieren, ein Beratungs- bzw. Behandlungsangebot in Anspruch zu nehmen.

Quellen: Kurier vom 24.3.2009, Kleine Zeitung vom 3.4.2009, TT vom 5.4.2009

Deutschland: Das Packerl Zigaretten könnte bald 4,70 Euro kosten

Raucher müssen sich auf höhere Preise für Zigaretten und Tabak einstellen. Nach Informationen der WELT wird Philip Morris die Zigarettenpackungen der gängigen Sorten um 20 Cent erhöhen. Ab Juni könnte eine Marlboro-Packung dann 4,70 Euro kosten, da ein Gesetz für eine einheitliche Packungsgröße von mindestens 19 Zigaretten in Vorbereitung ist.

Anmerkung kontakt+co: In Österreich befinden wir uns mit ca. 4 € preislich einmal mehr im „Reich der Mitte“: Während die Ukraine mit 0,65€ das Tiefpreisland für ein Packerl Marlboro ist, muss der Norweger 7,79 € hinblättern, wenn er die Rennomiermarke rauchen möchte.

Quelle: Die Welt vom 8.4.2009

Zwei Rätsel rund um Nikotin gelöst

1. Das Geheimnis des Nikotin-Rezeptors

Rauchen macht süchtig, das weiß mittlerweile jedes Kind. Warum Nikotin aber nur im Gehirn wirkt, war für die Wissenschafter lange Zeit ein Rätsel. Denn die Acetylcholin-Rezeptoren, an die es andockt und über die es seine Wirkung vermittelt, kommen auch im Muskel vor. Nun haben Forscher vom California Institute of Technology in Pasadena herausgefunden, warum der Suchtstoff hauptsächlich im Gehirn seine Wirkung entfaltet.

Die Wissenschafter stellten fest, dass für die Bindung eine positive elektrische Ladung am Nikotin entscheidend ist. Im Gehirn interagiert die Ladung mit einer Aminosäure namens Tryptophan an der Andockstelle des Rezeptors und vermittelt so eine starke Aktivierung. Die entsprechende Stelle am Rezeptor im Muskel ist fast identisch, bis auf einen entscheidenden Unterschied: Eine Aminosäure in der unmittelbaren Umgebung ist ausgetauscht. Dadurch ändert sich die Form der Andockstelle minimal, und die elektrische Ladung des Nikotins kommt nicht nah genug an das Tryptophan heran, damit eine Wechselwirkung stattfinden kann.

Man hofft, dass die Ergebnisse auch bei der Entwicklung neuer Medikamente helfen: Schließlich setzten viele Arzneien, etwa zur Behandlung von Nikotinsucht, Schizophrenie, der Alzheimer- oder Parkinson-Krankheit, an dem Rezeptor im Gehirn an. Die Kenntnis der Unterschiede zwischen den Rezeptoren im Muskel und im Gehirn erlaubt es eventuell, Medikamente gezielter auszurichten und unerwünschte Nebenwirkungen zu vermeiden.

2. Tabaksucht unterscheidet sich von anderen Süchten

Eine mögliche Ursache, warum viele Raucher trotz Nikotinersatz mittel- und langfristig nicht vom Glimmstängel lassen können, liefern französische Wissenschaftler. Sie klärten, dass Nikotin - im Gegensatz zu Drogen wie Kokain, Morphin oder Alkohol - einen bestimmten Suchtmechanismus nicht auslöst. Erst in Kombination mit anderen Tabakstoffen zeigt das Nikotin seine Wirkung, berichtet die Gruppe um Jean-Pol Tassin vom College de France in Paris.

Zusammenspiel von zwei Nervenzelltypen
Die Forscher haben herausgefunden, dass viele Drogen zwei Gruppen von Nervenzellen voneinander trennen. Die sogenannten noradrenergen Zellen setzen Noradrenalin frei, dieser Stoff trägt zur Aufmerksamkeits-, Emotions-, Schlaf-, Traum- sowie Lernprozessregulation bei. Die serotoninergen Zellen setzen dagegen das Serotonin frei, dies spielt eine Rolle bei Temperatur-, Schlaf-, Schmerz-, Stimmungs- und Appetitregulierung.

Anders als bei anderen Süchten
"In der Regel sind beide Gruppen so miteinander verbunden, dass eine gegenseitige Kontrolle entsteht", so die Forscher. Bei Süchtigen jedoch bricht das neuronale Gleichgewicht zusammen und sie können ihr Verlangen nicht mehr zügeln. Nun konnten die Wissenschaftler klären, dass das Nikotin, im Gegensatz zu anderen Rauschgiften, nicht zur Abkopplung beider Neuronengruppen führt.

Erst Enzymhemmer löst normale Sucht aus
Erst die Kombination von Nikotin mit anderen Tabakstoffen, den Monoaminooxidase-Hemmern (die Enzymhemmer werden "MAOI" abgekürzt), kommt es zur für andere Drogen üblichen Abkopplung. Die MAOI zerstören den natürlichen Schutz der serotoninergen Nervenzellen gegenüber Nikotin: den 5-HT1A Rezeptor.

Die Nikotin-Auswirkung auf die Freisetzung von Serotonin ist so stark, dass im Bruchteil von Sekunden eine sogenannte "Retro-Kontrolle" ausgelöst wird, welche die Serotonin-Freisetzung unmittelbar blockiert. Ohne den Schutz des 5-HT1A Rezeptors lösen sich die vom Nikotin stark angeregten serotoninergen Neuronen von der anderen Neuronengruppe. Dies verursacht den Suchtprozess.

Mögliche neue Therapien
Nach Meinung der Wissenschaftler ist dies der Grund, weshalb viele Rauchentzugstherapien scheitern. Die Nikotinkaugummis und -pflaster seien am Anfang der Behandlung wirksam, das heißt, solange die Wirkung der MAOI andauere. Die Entdeckung könnte zur Entwicklung neuer Therapieansätze führen, sind die Experten überzeugt.

Quellen: Neue Zürcher Zeitung" vom 18.3.2009, Nature, Online-Publikation vom 1.3.2009, ORF Science, 10.2.09

Rückgang beim Bierkonsum setzt sich fort

Die alte These, wonach die Menschen in Krisenzeiten mehr Alkohol konsumieren, hat sich zumindest beim Bier bislang nicht bestätigt. Allein im Januar und Februar ging der Konsum nach Angaben des Deutschen Brauerbundes um weitere zwölf Prozent zurück. Der Trend weist seit Jahren abwärts. Diese Entwicklung entspricht dem langfristigen Trend, der auch in Österreich festzustellen ist. Die Zuwächse im vergangenen Jahr sind hier ein "Ausreißer" nach oben, der sich aber mit dem Ausnahme-Event "Euro 08" plausibel erklären lässt.

Vielen deutschen Brauern ging es schon vor Ausbruch der Finanzkrise nicht besonders gut. Selbst beim Branchenprimus Bitburger sinkt der Bierausstoß langsam aber stetig. Nur wenigen Herstellern gelingt es derzeit, ihr Geschäft in einem fallenden Markt noch auszubauen. Dass auch Biertrinker immer mehr aufs Geld schauen, hilft derzeit vor allem den Produzenten von Billigbieren. Durch die Wirtschaftskrise dürfte sich dieser Trend beschleunigen. Der Hersteller, der fünf Braustätten im Bundesgebiet betreibt, profitiert vor allem von wachsenden Verkaufszahlen im Discounthandel, etwa bei Aldi und Lidl.

Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 4.4.2009