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England verbietet Zigarettenautomaten

Seit gestern Samstag sind in ganz England Zigarettenautomaten verboten. Wer weiter Tabakwaren in Automaten anbietet oder auf Automaten für Zigaretten wirbt, muss mit empfindlichen Strafen von bis zu 2500 Pfund rechnen. Das neue Gesetz, über das monatelang heftig diskutiert worden war, trat per 1. Oktober in Kraft. In den anderen Landesteilen Großbritanniens wie Wales, Schottland und Nordirland gilt die Regelung zunächst nicht. Das Gesundheitsministerium will mit dem Verbot vor allem den Verkauf von Zigaretten an Minderjährige eindämmen. Praktisch jeder Raucher habe mit dem Tabakkonsum vor seinem 18. Lebensjahr begonnen, lautet das Argument der Regierung. 35 Millionen Zigaretten seien bisher jedes Jahr illegal über Zigarettenautomaten an Minderjährige verkauft worden. Von Gesundheitsorganisationen kam Applaus, die Gastwirte sehen in dem Verbot dagegen einen weiteren Eingriff in ihr Geschäft. Für die Regierung ist das Verbot der Automaten nur ein erster Schritt. In Zukunft sollen auch die Läden die Tabakwerbung völlig einstellen.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung vom 02.10.2011

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Finnland: Alleinstehende sterben eher an Alkoholkrankheiten

Männer, die allein leben, haben ein bis zu 4,9-mal höheres Risiko, an einem Leberleiden zu sterben, als Männer, die verheiratet sind oder in einer Partnerschaft leben. Das ist eines der Ergebnisse einer finnischen Studie, die in PLoS Medicine veröffentlicht wurde. Die Forscher analysierten die Daten von 80 Prozent aller Finnen, die zwischen 2000 und 2007 verstarben. Demnach starben zwei Drittel aller Alleinlebenden an Alkohol und damit zusammenhängenden Krankheiten und Unfällen.

Quelle: Der Standard vom 22.09.2011

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Niederlande: Online-Porno - Suchtgefahr hält sich in Grenzen

Niederländische Forscher, die den Online-Pornokonsum von Internetusern untersuchten, gehen davon aus, dass dies bei den meisten nicht zur Sucht wird.

Online-Pornografie wird von vielen Männern regelmäßig konsumiert. Von einem zwanghaften Umgang könne man nur bei einer kleinen Minderheit von etwa einem Prozent der Internetnutzer sprechen, sagte Gert-Jan Meerkerk vom IVO-Institut in Rotterdam unlängst auf einem deutschen Suchtkongress in Frankfurt.

Er könne allerdings nicht ausschließen, dass die Zahl der Internet-Sexsüchtigen mehr werde. Es könnte sein, dass sich eine Online-Pornosucht nach und nach entwickle, vergleichbar mit der Alkoholsucht, die ja auch nicht von heute auf morgen entstehe, sagt der Forscher. Laut Studie haben sich drei Viertel der niederländischen Männer schon einmal mit Online-Pornografie beschäftigt. Ein Drittel der holländischen Frauen tat dies auch. 20 Prozent der Männer schauen regelmäßig mindestens ein bis zwei Mal in der Woche. Die meiste Zeit wenden Männer zwischen 18 und 54 Jahren auf, die keinen festen Partner haben. Online-Pornografie wird ähnlich genutzt wie andere Angebote im Netz: Kostenlos verfügbare Filme, Bilder und Texte werden bevorzugt. "Nur wenige Personen zahlen für pornografischen Inhalt", sagte Meerkerk. Die holländischen Daten entsprechen den internationalen Zahlen:

Eine Erhebung von 2006 geht von weltweit jährlich 40 Millionen Nutzern von Internetpornografie aus. Die Nutzung von Pornografie erfolgt überwiegend durch männliche Nutzer: 72 Prozent der Konsumenten sind Männer, 28 Prozent Frauen.

Weitere Studien, die sich mit dem Phänomen Online-Porno beschäftigen, ergaben, dass Männer wie Frauen auf gleiche Art durch visuelle sexuelle Reize erregt werden. Bei beiden Geschlechtern führt die Darbietung pornografischer Reize zu spezifischen Änderungen in Herzschlag, Atmung und Durchblutung der Genitalien. Gehirnscanner zeigen: Bei beiden Geschlechtern sind die gleichen Hirnareale aktiviert.

Nicht nur Erwachsene surfen im Netz auf der Suche nach sexuellen Darstellungen. Eine australische Untersuchung ergab, dass unter den 16- bis 17-jährigen Jugendlichen 73 Prozent der Buben und elf Prozent der Mädchen bereits mindestens ein Mal Pornografie im Internet konsumiert haben. Die meisten sind beim Surfen über solche Seiten gestolpert. Kurt Starke, Sexualwissenschafter aus Leipzig, sagt, dass eine einfache Pornografie für junge Menschen nicht schädlich sei. Es gebe keinerlei wissenschaftlichen Befund dafür, dass Heranwachsende durch das Ansehen von "normalem Sex" emotional gestört würden. Sex zu dämonisieren sei hingegen kontraproduktiv, da Jugendliche dadurch eine falsche Wahrnehmung ihrer eigenen Sexualität bekommen könnten.

Quelle: Salzburger Nachrichten vom 03.10.2011

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Schweiz: Züricher Fixerstuben - vom "Aufreger" zur Selbstverständlichkeit

Ein Besuch in der Kontakt- und Anlaufstelle beim Zürcher Bahnhof Selnau

Vor zwanzig Jahren waren Fixerräume heftig umstritten - heute sind sie eine Selbstverständlichkeit. In den vier Kontakt- und Anlaufstellen der Stadt Zürich können Drogenabhängige unter hygienischen Bedingungen ihren Stoff konsumieren.

Im Aufenthaltsraum sitzen ein halbes Dutzend Frauen und Männer an langen Tischen, blättern in Zeitungen, streichen Frühstücksbrote oder trinken Kaffee. Ständig kommt jemand Neues hinein, oder es verlässt jemand den Raum. Manch einer sieht nicht ganz taufrisch aus und schlurft über die Türschwelle, viele haben einen Hund an der Leine. Morgens um zehn Uhr herrscht in der Kontakt- und Anlaufstelle an der Zürcher Selnaustrasse rege Betriebsamkeit.

Ein richtiges Gedränge gibt es im Raum gleich neben der grossen Theke, an der Getränke ausgeschenkt werden. Darin befindet sich das Fumoir, wo Zigaretten geraucht werden dürfen. Nicht nur deswegen, sondern auch weil es vom Personal nur über Blickkontakt durch ein Fenster in der Türe überwacht wird, ist das Fumoir bei den Klienten beliebt. Als der Lärmpegel in diesem Raum allerdings ansteigt und sich immer mehr Männer und Frauen darin aufhalten, schreitet eine Mitarbeiterin ein. Resolut fordert sie die Anwesenden auf, Platz zu machen für die Nächsten und das Fumoir auch einmal wieder zu verlassen. Die Kontakt- und Anlaufstelle beim Bahnhof Selnau ist eine von vier gleichartigen Einrichtungen in der Stadt Zürich. Die drei anderen K+A, wie die zum Sozialdepartement gehörenden Anlaufstellen genannt werden, befinden sich bei der Kaserne, in Oerlikon und in der Brunau. Die Betriebe sind gestaffelt offen, damit sich die Nutzer möglichst auf die verschiedenen Quartiere verteilen und die Belastung für die Nachbarschaft in Grenzen gehalten wird. Das Angebot der K+A richtet sich ausschliesslich an über 18-jährige Drogenkonsumenten mit Wohnsitz in der Stadt Zürich. Auswärtige werden am Eingang abgewiesen.

Ein Blick in die Runde in der K+A an der Selnaustrasse zeigt, dass die Fixer in die Jahre gekommen sind. Bei den Drogenabhängigen, die sich hier aufhalten, handelt es sich nicht mehr um jene jungen, ausgemergelten Gestalten, die noch vor zwanzig Jahren das Strassenbild mancher Stadtquartiere prägten. Es sind im Gegenteil auffallend viele mittelalterliche oder gar ältere Frauen und Männer mit angegrauten Haaren zu sehen. Michael Herzig, Bereichsleiter Sucht und Drogen beim Sozialdepartement, bestätigt diesen Eindruck. Das Durchschnittsalter der Klienten in den K+A liege heute bei über 40 Jahren. 1993, ein Jahr nach der Eröffnung des ersten Fixerraumes in der Stadt Zürich, betrug es 28,2 Jahre.

Daraus schließt Herzig, dass die Zahl der Neueinsteiger bei den "klassischen" Fixern und Abhängigen, die Heroin, Kokain oder Benzodiazepine injizieren, rauchen oder sniffen, rückläufig ist. Jüngere Konsumenten bevorzugten eher Party- oder Designerdrogen. Das gleiche Bild vermittelt laut Herzig ein Blick in die Spritzen-Statistik: In der Zeit der offenen Drogenszene am Letten Anfang der 1990er Jahre seien in Zürich täglich rund 16 000 Spritzen abgegeben worden; heute seien es noch gut 2000. Herzig weist darauf hin, dass sich nicht nur das Alter der Klienten in den K+A, sondern auch ihr Zustand verändert habe: Sie seien gesünder und integrierter, was sich daran zeige, dass der Anteil der Obdachlosen gesunken und jener der Arbeitstätigen gestiegen sei.

Das erste Fixerstübli in der Schweiz war vor 25 Jahren in Bern eröffnet worden. Die Stadt Zürich zog 1992 mit der Eröffnung der ersten Gassenzimmer oder Fixerräume nach. Diese waren damals politisch stark umstritten; heute gehören die Kontakt- und Anlaufstellen ganz selbstverständlich zum Angebot der Stadt. Die Aufgaben der Mitarbeitenden haben sich in dieser Zeit verändert, wie Herzig sagt. Früher sei es in erster Linie um Überlebenshilfe gegangen, weil die Klienten gesundheitlich stärker angeschlagen gewesen seien. Heute führten die Sozialarbeiter mehr Beratungsgespräche, die gezielt auf langfristige Verbesserungen abzielten: etwa auf Schuldensanierungen oder auf einen kontrollierten Drogenkonsum.

Das Herzstück der Kontakt- und Anlaufstellen sind aber die Räume, in denen Drogen geraucht oder injiziert werden: Im "Raucherraum" finden gleichzeitig 11 Personen Platz, die beispielsweise Heroin auf Folien rauchen; im "IV-Raum" sind es deren 6. Überwacht wird das Geschehen von einer Mitarbeiterin, die, vom "Raucherraum" durch eine Glasscheibe getrennt, an einem Tisch sitzt. In Griffnähe hat sie alle medizinischen Utensilien, die bei einem Notfall, etwa einer Überdosis, zum Einsatz kämen. Die Aufenthaltszeit in den Konsumräumen ist auf eine halbe Stunde beschränkt. Wer in den "IV-Raum" will, um sich die Droge intravenös zu spritzen, fasst an einer Theke eine Metallschale, in der unter anderem eine Spritze, ein Löffel und ein Pflästerchen ausgehändigt werden.

Ein Blick in diese Konsumräume erschließt dann auch die soziale Bedeutung der K+A für die Klienten: Unter den Folienrauchern herrscht eine aufgeräumte Stimmung, es findet gerade eine angeregte Diskussion statt. Dass die gute Laune allerdings rasch ins Gegenteil kippen kann, ist sich das Personal bewusst - und es ist für diesen Fall mit Strategien zur Deeskalation gerüstet.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung vom 14.09.2011

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Deutschland: Mehr Therapiebedarf für Cannabis-Konsumenten

Die Nachfrage nach Therapien für intensive Cannabis-Konsumenten steigt. Mit neuen Konzepten sei erreicht worden, dass sich mehr Abhängige in Behandlung begäben, sagte die Drogenbeauftragte des Bundes, Mechthild Dyckmans, bei der Eröffnung des Deutschen Suchtkongresses in Frankfurt am Main. In den vergangenen acht Jahren stieg demnach die Zahl der Cannabis-Patienten hierzulande in den ambulanten Einrichtungen auf über das Dreifache an. Im stationären Bereich habe sich die Patientenzahl sogar um das 13-Fache erhöht. Wissenschaftler hatten in den vergangenen Jahren vermehrt Hinweise darauf gefunden, dass die psychische Abhängigkeit von den Cannabisprodukten Marihuana und Haschisch gravierender sein kann als lange Zeit angenommen.

Quelle: Die Welt vom 29.09.2011

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Oktoberfest: So viel Bier wie nie, aber auch ein Rekord für "alkoholfrei"

Die Zahlen sind beachtlich: Insgesamt 6,9 Millionen Besucher kamen heuer auf die Theresienwiese. In dieser Zeit wurden 118 Ochsen und 53 Kälber verspeist. Das macht durstig: 7,5 Millionen Maß Bier tranken die Gäste auf der Theresienwiese, so viel wie noch nie. 2010 waren es 7,1 Millionen. Durch die relativ hohen Temperaturen stieg zudem der Absatz von nichtalkoholischen Getränken in den Zelten im Vergleich zum Vorjahr um acht Prozent. Mit 1422 Delikten gab es zwar mehr Straftaten als 2010 (1179), diese waren aber weniger gravierend. Einfache und gefährliche Körperverletzungen gab es seltener, ebenso Maßkrugschlägereien (58 Fälle). Ein Anstieg ist beim Drogenkonsum zu verzeichnen: Hier wurden 230 Täter in Gewahrsam genommen. Sorgen macht der Polizei das Verhalten vieler Jugendlicher und deren Eltern: 25 Jugendliche fanden Polizisten bei Stichprobenkontrollen stark alkoholisiert vor - mehrere Minderjährige hatten mehr als zwei Promille Alkohol im Blut und randalierten. Allerdings ist hierzu auch zu sagen: 25 von 6.900.000 ist nicht wirklich viel.

Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 04.10.2011

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Australien und Europa: Glücksspiel - Kampf um Milliarden

Es ist ein Kürzel, dem man in Sydney eher früher als später begegnet: RSL. Es steht für "Returned and Services League". Hinter dem unspektakulären Namen verbirgt sich auf den ersten Blick eine gewöhnliche Vereinigung für Militärpersonal. Offizielle Mission der RSL ist es seit 1917, für das Wohlergehen der australischen Armeeangehörigen und insbesondere der Veteranen zu sorgen. Auf den zweiten Blick hingegen ist es eine gesellschaftliche Institution, die es den Australiern erleichtert, zweierlei zu frönen: dem Biertrinken und dem Zocken. Denn die RSL, von denen es allein im Gliedstaat New South Wales 394 gibt, sind eigentliche Spielhöllen. Und nirgendwo sonst ist das Bier billiger als hier. Doch nun soll sich dies ändern. Ein Parlamentarier aus dem Gliedstaat Tasmanien, Andrew Wilkie, Mitglied der Partei der Unabhängigen, hat nämlich seinerseits eine Mission: Er will der verbreiteten Spielsucht den Garaus machen und verlangt konkret, dass jeder, der sich an einen Spielautomaten setzt, zuvor schriftlich erklärt, welchen Betrag er maximal zu verlieren bereit ist.

Nun könnte man meinen, die Durchsetzungskraft eines einzelnen Politikers einer eher unbedeutenden Partei sei relativ bescheiden. Nicht aber im Moment in Australien. Die Labor-Regierung unter Julia Gillard ist seit den Wahlen im vergangenen Jahr nämlich auf Gedeih und Verderben von der Unterstützung einiger unabhängiger Volksvertreter abhängig, um sich im Parlament die Mehrheiten zu sichern. Und um Wilkies wertvolle Stimme zu gewinnen, hatte sie ihm damals schriftlich zugesichert, sein Ansinnen zu unterstützen. Die Gesetzesrevision muss in den nächsten Monaten auf den Tisch kommen, damit die neuen Regelungen bis zum Jahr 2014, wie von Wilkie verlangt, landesweit umgesetzt werden können. Wilkie und Gillard haben sich indes mit einer mächtigen Lobby angelegt.

Die Glücksspiel-Industrie ist in Australien ein bedeutender Wirtschaftszweig. Gemäss Angaben der Regierung hat sie im Finanzjahr 2008 bis 2009 über 19 Mrd. austr. $ (rund 17 Mrd. Fr.) eingenommen, über 55% davon in Klubs und Pubs und über 60% an Spielautomaten. Anders gesagt: Durchschnittlich verspielt jeder erwachsene Australier pro Jahr über 1200 $; und damit ungefähr gleich viel, wie ein australischer Haushalt pro Jahr für Gemüse und Früchte ausgibt. Die Glücksspiel-Industrie beschäftigt rund 80 000 Personen; das entspricht fast dem Dreifachen der Weinindustrie und fast der Hälfte der Bergbauindustrie.

Klubs wie die RSL und andere Spielautomaten-Betreiber haben nun zum Angriff auf die geplante Gesetzesänderung geblasen. Sie befürchten Milliardenverluste und die Schließung Hunderter, wenn nicht Tausender Service-Klubs. Die Kampagne läuft unter dem Titel "Es ist un-australisch" und nimmt insbesondere Labor-Parlamentarier aus den spielfreudigsten Gliedstaaten New South Wales, Queensland und Viktoria ins Visier, deren Sitz bei den nächsten Wahlen wackeln könnte. Vergangene Woche hat die Glücksspiel-Lobby angekündigt, notfalls 11 Mio. $ in die Kampagne zu investieren, um ihr Geschäft zu verteidigen.

Sollte die Gesetzesänderung dennoch durchkommen, wird auch der Staat Abstriche hinnehmen müssen. Er zwackt rund 35% der Gewinne aus dem Glücksspiel ab. Im Jahr 2008/09 waren das immerhin über 6,5 Mrd. $. Allerdings beziffert die Regierung die sozialen Kosten der Spielsucht zugleich auf 4,7 Mrd. $ pro Jahr.

Situation in Europa

Spielsucht kommt die Gesellschaft auch bei uns teuer zu stehen: Mehr als 300 Millionen Euro müssen Jahr für Jahr allein in Deutschland aufgebracht werden, um etwa Therapien zu zahlen oder Fehlzeiten auszugleichen. Das ergab eine Studie der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim in Stuttgart. Im Beispieljahr 2008 summierten sich die "sozialen Kosten" des Glücksspiels auf etwa 326 Millionen Euro. Erfasst wurden eine Vielzahl von Folgekosten, von Aufwendungen für die Therapie bis hin zu Schäden durch Beschaffungskriminalität.

Kurz noch ein Blick zur Prävention. In der Schweiz wird diese derzeit ausgebaut

Eine von 200 in der Schweiz wohnhaften Personen ist vom Glücksspiel abhängig, nur wenige suchen aber Unterstützung. Aus diesem Grund hat Sucht Info Schweiz ein bestehendes Konzept zur Vorbeugung gegen Glücksspielsucht ausgebaut. In sechs Ostschweizer Kantonen besteht seit 2010 mit der Website www.sos-spielsucht.ch eine entsprechende Hilfeleistung für Spielsüchtige. Diesem Angebot haben sich nun zehn weitere Kantone der Deutschschweiz angeschlossen. Der Zusammenschluss erleichtere den Nutzern den Zugang zu fundierten Informationen und zu professioneller Unterstützung, schreibt Sucht Info Schweiz.

Österreich im Stand-by-Modus

Im Gegensatz zu den Schweizer Initiativen ruht die Spielsuchtprävention in Österreich im Dornröschenschlaf. Beheimatet im Finanzministerium, wo man naturgemäß kein ausgeprägtes Interesse daran hat, dass die steuerlichen Einkünfte durch ein stärker reglementiertes Glückspiel und einen professionellen Spielerschutz zurückgehen könnten, wartet sie dort still und geduldig auf bessere Zeiten.

Quellen: Neue Zürcher Zeitung vom 09.09.2011 und vom 20.09.2011 / Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 02.09.2011

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Österreich: Musiktherapie - Trommel und Flöte gegen die Sucht?

Nicht nur Medikamente helfen Suchtkranken. Ergänzend zur Standardbehandlung kann Musizieren in der Gruppe oder das Vertonen eigener Texte hilfreich sein.

Als einer der ersten Forscher hat der Wiener Neurowissenschaftler Univ.-Prof. Dr. Hellmuth Petsche, Akademie der Wissenschaften Wien, Mitte der 1980er-Jahre mit dem EEG nachgewiesen, dass beim Hören von Musik intensive Verbindungen zwischen den Hirnregionen auftreten, "es geht ein Fenster im Gehirn auf." Physische und psychische Veränderungen treten ein, man könne von einem psycho-physischen Effekt sprechen. Seither hat sich die Musiktherapie in verschiedenen Bereichen etabliert, beim Erlernen von Sprachen, bei der Therapie von psychischen Leiden, nach Hirnverletzungen, Lähmungserscheinungen. Warum also nicht auch bei Suchtkranken?

Die beiden auf der Apothekerkammer-Fortbildungswoche vortragenden Psychiater Madlung-Kratzer und Tebartz van Elst können sich eine Musiktherapie als Ergänzung zu einer medikamentösen Standardtherapie von Suchtkranken gut vorstellen. In einigen Suchtkliniken in Deutschland werden derartige Versuche bereits unternommen. In Österreich kann man sich auf privater Basis an den Österreichischen Berufsverband für Musiktherapeuten wenden

"Ähnlich wie suchterzeugende Substanzen kann auch mit Musik das limbische und das Dopaminsystem, also das Belohnungssystem, moduliert werden. Schlechte Gefühle können so besser gemeistert werden, Spannungen, Ängste, Beziehungsblockaden können gelöst werden", erläutert der Kinder- und Jugendpsychiater Univ.-Prof. Dr. Thomas Stegemann, der an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien die Abteilung Musiktherapie leitet. Besonders wirksam ist das Musizieren in der Gruppe, es genügen dazu einfache Instrumente wie Trommel oder Flöte. Es können Musikstücke mitgebracht oder Texte von Liedern besprochen werden. "In der Gruppe wird auch versucht, eigene Texte zu vertonen. Das hilft oft, um aus der passiven Haltung eines Patienten im Drogenmilieu zu einer aktiven Bewältigung von Problemen zu gelangen", sagt der Musiktherapeut über die aktive Musiktherapie.

Im Gegensatz dazu geht es bei der rezeptiven, quasi passiven Musiktherapie um Entspannung beim Hören von Musik, um "Loslassen", um die Verarbeitung eigener Gefühle: "Patienten lernen durch Musik, dass man auch anders kann als mit Drogen", erklärt der Jugendpsychiater. Allerdings hilft nicht jede Musik bei jedem, sie sollte individuell abgestimmt werden.

Quelle: Die Presse vom 27.09.2011

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