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Deutschland: Alkoholismus im Alter als wachsendes Problem

Schätzungsweise 400 000 Menschen über 60 Jahre seien alkoholsüchtig, sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP), der "Frankfurter Rundschau". Untersuchungen zeigten zudem, dass jeder siebte Pflegebedürftige, der zu Hause oder in einem Heim betreut wird, ein Alkohol- oder Medikamentenproblem habe. Angesichts der immer älter werdenden Gesellschaft werde die Zahl in den nächsten Jahren weiter zunehmen, warnte Dyckmans. Sie sprach von alarmierenden Signalen und kündigte an, dass die Suchtprobleme der Älteren ein Schwerpunkt der neuen nationalen Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik der Bundesregierung sein werden. Die Präsentation ist für das kommende Jahr geplant.

Quelle: Die Welt, 29.12.2011

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Österreich: Gleich viel Geld für Zigaretten und Erziehung

Rund 43.000 Euro gibt ein heimischer Haushalt im Jahr aus. Geld ist also an sich genug vorhanden, die Frage ist, wofür es ausgegeben wird. Die Angst vor einer künftigen Inflation lässt die Österreicher im Moment weniger Geld zur Seite legen. "Um rund 18 Prozent wurde in den letzten zwei Jahren weniger gespart", schreibt das Beratungsunternehmen RegioPlan in einer aktuellen Studie. 50 Prozent der 43.000 Euro fließen in die Fixkosten in den Bereichen Ernährung, Wohnung, Energie oder Verkehr. Nach der Analyse von RegioPlan werden von den 43.325 Euro jährlich 6940 Euro für die Ernährung, etwa 6630 Euro für die Wohnung und 6200 Euro für Kommunikation aufgewendet. Wegen der Unsicherheit im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise, werde mehr Geld für langfristig benötigte Güter wie Fernseher oder Haushaltsgeräte ausgegeben.
Eine nicht unbeträchtliche Summe, 600 Euro pro Haushalt, wird für das Rauchen gezahlt - "was in etwa gleich viel ist wie für Bildung und Erziehung", so RegioPlan. 1000 Euro pro Jahr werden im Durchschnitt für Urlaubszwecke ausgegeben. Das entspricht in etwa den Ausgaben für Fleisch und Fisch beziehungsweise für das Glücksspiel.

Quelle: Kleine Zeitung, 07.12.2011

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Niederlande: Kiff-Tourismus geht 2012 vorerst weiter

Fast vier Millionen Touristen aus den angrenzenden Nachbarländern fahren pro Jahr vor allem aus einem Grund in die Niederlande: Dort ist der Kauf von Cannabis erlaubt. Eigentlich sollte ab Januar 2012 die Abgabe des Rauschmittels an Ausländer untersagt werden. Doch nun verschiebt die Regierung das Verbot in den Mai: Laut Justizminister gibt es "Schwierigkeiten bei der Umsetzung" der Maßnahme. Gegen das Verbot protestieren vor allem die Coffeeshop-Besitzer, die um ihr Geschäft fürchten. Auch in Städten wie Amsterdam - fast jeder vierte Besucher fährt dorthin, um sich mit Cannabis einzudecken - regt sich Kritik: Die Drogen-Touristen geben schließlich auch für Hotels und in Restaurants Geld aus.

Quelle: Welt am Sonntag, 8.1.2012

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Spanien: Weniger Infarkte und Asthma nach Rauchverbot

Die spanischen Behörden haben ein Jahr nach dem Inkrafttreten eines verschärften Nichtraucherschutzgesetzes eine "positive Bilanz" gezogen: 600000 weniger Raucher, zehn Prozent weniger Infarkte und 15 Prozent weniger Asthmafälle bei Kindern.

Der Verkauf von Zigaretten ist in diesem Jahr um 17 Prozent oder 500 Millionen Schachteln zurückgegangen. Während das Gaststättengewerbe in den ersten Monaten über spürbare, auch von der Wirtschaftskrise beeinflusste Umsatzeinbußen klagte, wurden diese hernach offenbar weitgehend ausgeglichen. Vor allem Familien mit Kindern frequentierten häufiger die Etablissements. Diese, wie auch Diskotheken, behalfen sich erfolgreich, indem sie vor der Tür neue Terrassen einrichteten, was wiederum zu einer Zunahme der Anzeigen wegen nächtlicher Lärmbelästigung führte. Spielkasinos verloren hingegen Einnahmen. Insgesamt wurde das Rauchverbot in allen öffentlichen Räumlichkeiten von den Spaniern ohne nennenswerte Widerstände akzeptiert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.12.2011

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Italien: Die Wirtschaft lahmt, das Glücksspiel boomt

Geldspielautomaten, Lotto, Online-Poker, Bingo, Fußball- oder Pferdewetten: 76,5 Milliarden Euro haben die Italiener/innen 2011 nach einer ersten offiziellen Übersicht für Glücksspiele ausgegeben. Das sind 15 Milliarden Euro mehr als im Vorjahr - ein Plus von 24,3 Prozent. 1500 Euro hat demnach jeder Bürger für Glücksspiele ausgegeben. Dabei müssten Italiener eisern sparen. Regierungschef Mario Monti wird nicht müde, den Ernst der Wirtschafts- und Finanzkrise zu beschwören. Mit seiner nüchternen und realistischen Art verbreitet der Wirtschaftsexperte aber schlechte Laune.

Die Italiener verkniffen sich zwar zu Weihnachten Leckereien und Geschenke, der Umsatz brach um 18 Prozent ein - das Glücksspiel hingegen brummt. "Aus Verzweiflung stecken die Leute ihr letztes Geld in Glücksspiele." Sie verkauft Glückslose und Lotteriescheine ohne Ende und hilft nebenbei den Kunden, die freigerubbelten Symbole zu entziffern. "Wer 10 oder 20 Euro gewinnt", erzählt sie, "setzt das Geld gleich wieder ein." Diese Beobachtung machten auch Verbraucherorganisationen. Erst ab 50 Euro werde der Gewinn eingesteckt, sagen sie. Auch ein paar Ecken weiter, im Tabakgeschäft an der Piazza Ranzoni, klingeln die Geldspielautomaten den ganzen Tag. "Es war die richtige Entscheidung, ins Spielgeschäft einzusteigen", sagt Betreiber Marco dell'Acqua. Bis vor fünf Jahren war er Käsehändler auf Märkten. "Da gab es keine Umsatzsteigerungen. Hier aber läuft es immer besser", freut er sich. Verbraucherschützer sagten, dass sich die Glücksspieler bis vor ein paar Jahren am Rande der Legalität bewegten. Heute aber gleiche Italien einer "staatlichen Spielhölle". Um leere Kassen zu füllen, so ihre Kritik, hätten Regierungen Spielverbote aufgehoben. Drei Millionen Italiener gelten nun als spielsüchtig.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 1.1.2012

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Österreich: Die laue Tabakpolitik rächt sich

Wie viele Menschen in Österreich tatsächlich rauchen, ist nicht leicht zu beziffern, weil es darüber zu wenig Daten gibt. Während in vielen anderen Ländern das Rauchverhalten der Bevölkerung jährlich neu erhoben wird, geschieht dies in Österreich nur sporadisch. Die jüngsten, im Jahr 2009 gewonnenen Daten stammen aus dem Eurobarometer on Tobacco 2010, das den Anteil der Tabakkonsumenten an der österreichischen Gesamtbevölkerung mit 34 Prozent beziffert. Allerdings sind in dieser Zahl nicht nur tägliche Raucher enthalten, und die zugrunde gelegte Umfrage stützt sich nur auf ein Sample von 1000 Personen.

Weniger dramatisch als das Eurobarometer sieht es die OECD-Statistik, die Österreich mit 23,2 Prozent täglichen Rauchern unter der erwachsenen Bevölkerung geringfügig über dem Durchschnitt einreiht (Daten aus dem Jahr 2009). Aber eines fällt auch bei der OECD-Datensammlung ins Auge: Während viele Staaten im Zeitraum 1999 bis 2009 teils dramatische Rückgänge beim Raucheranteil zwischen 30 und 40 Prozent verzeichneten, gehört Österreich mit einem Minus von 4,5 Prozent zu den Ländern mit der geringsten Veränderung (Norwegen: minus 34,4, Dänemark: minus 38,7 Prozent).

Viele OECD-Mitglieder haben schon vor Jahren strikte Gesetze für Nichtraucherschutz in allen öffentlich zugänglichen Innenräumen, so auch in der Gastronomie, in Kraft gesetzt, Österreich folgte mit großer Verspätung und mit einer lauen Lösung.Der Kinderbericht der OECD bescheinigt österreichischen Kindern und Jugendlichen zwar materiellen Wohlstand, aber hohen Tabak- und Alkoholkonsum mit großem Sozialgefälle, hohe Risikobereitschaft und Suizidgefährdung.

Quelle: profil, 2.1.2012

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Schweiz: Heroinsüchtige mitten im Leben

Dank der ärztlichen Heroinabgabe können rund 1400 Süchtige legal konsumieren - Einige schaffen den Anschluss an die Gesellschaft

Karin Stahel ist seit 23 Jahren heroinabhängig; sie begann mit 17 zu konsumieren. Die ersten sieben Jahre bezog sie das Heroin auf der Gasse, verkehrte in Zürichs offener Drogenszene auf dem Platzspitz und später am Letten. Nach der Schliessung des Lettenareals im Jahr 1995 profitierte sie als eine der ersten Süchtigen weltweit vom Pilotversuch der ärztlichen Heroinabgabe. 150 weibliche Junkies wurden damals in einem ersten Schritt in die sogenannte heroingestützte Behandlung (HeGeBe) aufgenommen, später wurde das Programm auch auf Männer ausgeweitet. Heute erhalten schweizweit 1400 Personen Heroin unter ärztlicher Aufsicht.

Die Bedingungen, die von den Süchtigen gemäss den Auflagen des Bundesamtes für Gesundheit erfüllt werden müssen, sind streng - und wenig schmeichelhaft: Sie müssen schwer abhängig sein, mindestens zwei gescheiterte Behandlungsversuche mit einem Substitut wie Methadon hinter sich haben sowie Defizite im körperlichen, psychischen oder sozialen Bereich vorweisen. Kurz: Die HeGeBe ist auf Patienten zugeschnitten, die eine lange Suchtkarriere hinter sich haben, sozial desintegriert sind und zu verelenden drohen.

Es fällt schwer, diese Attribute mit dem heutigen Erscheinungsbild von Karin Stahel in Übereinstimmung zu bringen. Die 40-Jährige mag vielleicht etwas älter aussehen, abgesehen davon nimmt man ihr aber die jahrzehntelange Heroinabhängigkeit kaum ab. Sie arbeitet Vollzeit im Verkauf, daneben trägt sie einmal die Woche Zeitungen aus, um sich ab und zu etwas Besonderes leisten zu können: Ferien oder einen Besuch bei McDonald's. Und sie kümmert sich als alleinerziehende Mutter um Linda und Silvio. Süchtige wie Karin Stahel, die den Anschluss an die Gesellschaft geschafft haben, sind innerhalb der HeGeBe-Programme in der Minderheit. Rund ein Fünftel der Patienten schweizweit geht laut Thilo Beck, Chefarzt Psychiatrie bei der Drogenfachstelle Arud, einer Beschäftigung nach. Ein weiteres Fünftel befindet sich auf Stellensuche. Rund 60 Prozent arbeiten nicht.

Ebenfalls berufstätig ist Kurt Dörig*. Der 51-Jährige war seit zwölf Jahren heroinabhängig, als er 1996 in die heroingestützte Behandlung aufgenommen wurde. Er hatte zu dem Zeitpunkt bereits mehrere missglückte Entzugsversuche hinter sich und war kurz davor, "endgültig abzudriften", wie sich Dörig ausdrückt. "Hätte es die Heroinabgabe nicht gegeben, wäre ich heute tot." Stattdessen nahm er kurze Zeit später seine Arbeit als Koch wieder auf und ist heute Küchenchef in einem edlen Restaurant, wo er ein Team von zehn Leuten unter sich hat.

Bevor er mit den Töpfen zu hantieren beginnt, nimmt er in der Klinik die erste Ration Heroin zu sich. Die zweite Ration darf er wie Stahel mitnehmen. Weil an der Arbeit niemand von seiner Sucht weiss, achtet Dörig jeweils darauf, dass er nicht immer den gleichen Weg zur Abgabestelle einschlägt. Zudem hält er sich nur so lange als nötig dort auf. Möglicherweise könnte er sich im Restaurant sogar "outen", doch weshalb sollte er? Auch bei Karin Stahel wissen die wenigsten, dass sie Heroin konsumiert - nicht der Arbeitgeber und nicht die Eltern der Schulkollegen ihrer Kinder. Selbst einige enge Freunde hat sie nicht ins Vertrauen gezogen. "Sie würden sich von mir abwenden", glaubt Stahel. Im Gespräch mit Bekannten muss sie sich manchmal anhören, wie über die "Drögeler" hergezogen wird, die man "alle an die Wand stellen müsste". Stahel steht in solchen Momenten daneben, lächelt und schweigt.

Vor den Kindern hat sie hingegen nie ein Geheimnis aus ihrer Abhängigkeit gemacht. Sie hat ihnen erklärt, dass sie als junge Frau eine große Dummheit gemacht und aus Leichtsinn Heroin probiert habe. Und deswegen müsse sie es nun täglich einnehmen, sonst werde sie sehr krank. So genau möchten es die Kinder zurzeit aber gar nicht wissen. Sie nerven sich höchstens, dass die Mutter am Sonntag, bevor sie einen Ausflug machen können, zuerst "dahin" - in die Klinik - gehen muss. Würde Stahel den morgendlichen Termin verpassen, überkäme sie bald ein Frösteln, später begänne die Nase zu laufen - die ersten, leichten Entzugserscheinungen. Heroin hat eine "Halbwertszeit" von fünf bis acht Stunden. Schwersüchtige wie Stahel müssen deshalb ihren Körper alle paar Stunden versorgen.
Ist der Stoff rein und von guter Qualität, nimmt der Körper im Gegensatz zu anderen Drogen selbst nach mehreren Jahren nur minim Schaden. Denn Heroin sei kein Zellgift, erklärt die leitende Ärztin der Horgener Poliklinik, Irene Caspar. Als langfristige Nebenwirkung kann Osteoporose vorkommen, doch grundsätzlich gilt Heroin als eine der am besten verträglichen Substanzen. Trotzdem musste in der Drogenpolitik erst ein Umdenken stattfinden, bevor die Abgabe von Heroin an Süchtige als Behandlungsform mehrheitsfähig wurde. Nicht die Abstinenz gilt heute in jedem Fall als Ziel, sondern der "steady state" eines Patienten.
Kritiker halten diesen Ansatz für allzu liberal. Namentlich Vertreter der SVP monieren, man müsste den Leuten stattdessen helfen, von der Sucht wegzukommen. Tatsächlich kommt die HeGeBe einer Kapitulation vor der Abhängigkeit gleich. Doch hat sich aufgrund von Erfahrungswerten und wissenschaftlichen Erkenntnissen mittlerweile die Überzeugung durchgesetzt, dass für die Gesellschaft und die betroffene Person mehr erreicht wird, wenn der Süchtige weg von Illegalität und Kriminalität in einen geregelten Tagesablauf übergeführt werden kann.

Vom medizinischen Standpunkt her gelten Personen wie Karin Stahel und Kurt Dörig heute als chronisch Kranke; die Kosten für die Behandlung werden zu einem Grossteil von der Krankenkasse übernommen. Mit dieser Medikalisierung des Heroinkonsums hat sich indes auch das Image der Droge verändert: Aus einem rebellischen Akt ist eine Krankheit, aus der Party-Droge eine Verlierer-Droge geworden, wie Rudolf Stohler und Carlos Nordt in ihrer 2006 veröffentlichten Studie über Heroinkonsum im Kanton Zürich schreiben. Mit dem gewandelten Image begründen die Autoren auch die schwindende Attraktivität von Heroin. Die Anzahl Neukonsumenten im Kanton Zürich ist mit 70 Personen im Jahr auf den Stand von 1970 zurückgegangen - für die gesamte Schweiz liegen keine Zahlen vor. Anfang der 1990er Jahre, am Höhepunkt des Booms, verzeichnete man jährlich bis zu tausend Neueinsteiger im Kanton Zürich.

Gleichzeitig bleibt seit Jahren ein konstanter Sockel an "Hängengebliebenen". Die schweizweite Anzahl Heroinkonsumenten gibt Arud-Chefarzt Thilo Beck mit 44 000 an. Zum Vergleich: Die Zahl der Kokainkonsumenten wird hierzulande auf bis zu 200 000 geschätzt. Die Hälfte der Heroinabhängigen konsumiert laut Beck unter problematischen Bedingungen, sei also straffällig, marginalisiert oder leide unter psychischen Störungen.

Von diesen 22 000 Personen sind rund 17 000 in Behandlung - entweder in einem Programm mit einem Substitut wie Methadon, Diacetylmorphin oder Subutex - oder in der HeGeBe. Dabei zeigt sich, dass namentlich in der Behandlung mit Heroin die wenigsten Patienten den definitiven Ausstieg schaffen: Lediglich wenige Prozentpunkte beträgt die Abstinenzrate. Wer also einmal Heroin vom Arzt bezieht, bleibt oft bis zum Lebensende dabei.

Keine Prognose

Karin Stahel vermeidet es, für die Zukunft eine Prognose zu machen. Zumindest gegenwärtig kommt für sie ein Entzug aber nicht in Frage - allein schon den Kindern zuliebe. Denn: "Solange sie mich brauchen, möchte ich stabil bleiben." Und solange an der Arbeit alles gut läuft, sieht sie keinen Grund, ihre Existenzgrundlage aufs Spiel zu setzen. Auch Thilo Beck warnt vor den Risiken eines Ausstiegs. Manche Patienten setzten allzu große Hoffnungen in die Abstinenz. Scheiterten sie, schämten sie sich so sehr, dass sie sich nicht wieder meldeten und erneut abstürzten.

Kurt Dörig will den Schritt trotzdem wagen. Nach 23 Jahren hofft er, sich endlich aus der Umklammerung des Heroins lösen zu können. In Absprache mit dem Personal in der Klinik hat er seine Tagesdosis letzten Sommer erstmals herabgesetzt; in einem Jahr möchte er clean sein. Dörig träumt vom Umzug mit seiner Freundin ins Tessin - dort gibt es keine Heroinabgabe. Vor allem sehnt er sich nach einem Leben, in dem sein Tagesrhythmus nicht mehr vom Heroinspiegel in seinem Körper diktiert wird.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 7.1.2012

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Österreich: Der Magerwahn ist wieder zurück

Beine und Arme wie Streichhölzer. Hüftknochen, die sich unter edlem Stoff abzeichnen. Haut und Knochen, wo sich weibliche Rundungen wölben sollten: Stars wie Schauspielerin Demi Moore oder Model Erin Wasson sorgten mit ihren Auftritten bei der Golden-Globes-Gala für Entsetzen. "Der Magerwahn ist leider wieder zurück", stellt Univ.-Prof. Beate Wimmer-Puchinger, Frauengesundheitsbeauftragte der Stadt Wien, fest. Zwar sei das Problembewusstsein gestiegen, aber ein Trend verstärke sich erneut: "Weg von der weiblichen Figur hin zum Kindchenschema. Das Idol heißt: dünn, dünner, am dünnsten."

Die Negativspirale beginnt immer früher: Waren früher hauptsächlich Mädchen und junge Frauen von 13, 14 bis 23, 25 betroffen gewesen, "sehen wir heute auch schon Zehnjährige mit ersten Symptomen von Essstörungen". Die Zahl der stationären Aufnahmen - nicht nur in diesem Alter - nimmt zu. Besonders alarmierend ist für Wimmer-Puchinger die Dunkelziffer. "Vor allem versteckte Ess-Störungen - also jene, die die Betroffenen vor ihrer Umgebung verbergen - werden mehr."

Seinen Selbstwert ausschließlich über die Waage zu messen, davor sind sogar vermeintlich mitten im Leben stehende Frauen um die 50 nicht gefeit. "Wir stellen fest, dass Ess-Störungen auch in diesem Alter vermehrt auftreten. Die Jugendlichkeit darf heute nicht mehr mit den Wechseljahren aufhören. Die Frauen kontrollieren ihren Körper, um weiterhin einem Ideal zu entsprechen. Zumal überall zu lesen ist, dass man sich in dieser Lebensphase verändert, vielleicht zunimmt." Extreme

"Wir haben den Eindruck, dass die Extreme stärker werden - also extreme Magersucht versus extremes Übergewicht", sagt die Therapeutin Gabriele Haselberger von "intakt - Therapiezentrum für Menschen mit Essstörungen" in Wien. Ein Problem sei die massive Präsenz des Themas "Diäten". "Je öfter darüber geschrieben wird, desto mehr kann das Essstörungen fördern."

Bei Diäten komme es immer darauf an, etwas richtig zu machen, Lebensmittel würden in gute und schlechte eingeteilt. "Gerade Personen mit erhöhtem Risiko für Essstörungen neigen dazu, sich nach oft strengen Regeln zu richten. Viele haben verlernt, auf die Signale des Körpers zu hören und zu vertrauen. Das ständige Sich-Befassen mit Essen und Diät-Regeln erhöhen die Gefahr deutlich, in eine Essstörung zu schlittern."

Um gegenzusteuern, ist für Wimmer-Puchinger ein Umdenken nötig: "Wir müssen zurück zum Wohlfühlgewicht - und eine früh beginnende Erziehung zu einem positiven Körpergefühl."

Quelle: Kurier, 19.1.2012

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