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Bitcoins: Die neu digitale Währung und der Drogenmarkt

Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat das Interesse an alternativen Währungen blühen lassen. Dazu zählen auch Bitcoins. Das digitale Zahlungsmittel wird seit Anfang 2009 im Internet verbreitet. Es sorgte nach seiner Einführung für verschiedene Skandale. Diese führten zwar dazu, dass das virtuelle Zahlungsmittel immer argwöhnischer betrachtet wird, dennoch hat es bisher überlebt. Der Kurs ist in den letzten Monaten sogar im Trend klar gestiegen und hat alle anderen Währungen der Welt hinter sich gelassen.

Bitcoins fußen auf der Idee, eine Währung unabhängig von Regierungen und Zentralbanken parallel zu anderen Zahlungsmitteln einzuführen und zu verwenden. Allerdings hat sie ein großes Problem, nämlich die Anonymität. Die Tatsache, dass sich Transaktionen nicht nachvollziehen lassen, verführt zu allerlei illegalen Aktivitäten. So lassen sich etwa auf der Website "Silk Road" - sie ist nicht frei zugänglich, sondern nur über private, verschlüsselte Netzwerke erreichbar - Produkte kaufen, die ausschließlich mit Bitcoins bezahlt werden dürfen. Dort werden verschiedene Waren gehandelt, unter anderem verbotene Medikamente und Rauschmittel.

Eine Studie der Carnegy Mellon University zeigt, dass auf der Plattform in der ersten Hälfte des laufenden Jahres knapp 2 Millionen Dollar im Monat umgesetzt wurden. Der Handel mit Marihuana führte zu Spitzenerlösen. Schließlich war das Rauschmittel im betrachteten Zeitraum mit einem Marktanteil von nicht ganz 14% das gefragteste Produkt.

Die Analyse offenbarte auch einen bemerkenswerten Zusammenhang zwischen der Nachfrage nach illegalen Drogen und der Kursentwicklung der Bitcoins im Vergleich mit den regulären Währungen. Die zunehmende Nachfrage nach Drogen auf der "Silk Road" habe quasi inflationären Charakter angenommen und den Kurs der dort verwendeten Währung nach oben getrieben, erklären die Wissenschafter der amerikanischen Universität pragmatisch. Sie halten es für das Einfachste, den Handel mit der virtuellen Währung zu stören, um den illegalen Drogenumsatz zu unterbinden. Aus diesem Grund muss man wohl mit Turbulenzen an diesem internationalen Markt in den kommenden Monaten rechnen.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung 03.01.2013

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Österreich: Zwei Drittel greifen zu Spirituosen?

Zwei von drei Österreichern ab 18 Jahren konsumieren Spirituosen, 37 Prozent davon sogar regelmäßig. Diese Daten gab der französische Alkoholkonzern Pernod Ricard ("Absolut Vodka", "Malibu") unter Berufung auf Umfragen von IWSR und Imas bekannt. Im Schnitt konsumiert ein Österreicher vier Drinks pro Woche. Der typische Spirituosenkonsument ist jung (18 bis 34 Jahre), männlich, eher gebildet und lebt in der Stadt. Im Ranking der gefragten harten Getränke liegt Wodka momentan weit oben.

Harte Alkoholika sind den Daten zufolge ein Phänomen der sogenannten Oberschicht. 52 Prozent der A-Schicht (höchste Einkommensklasse), aber nur 33 Prozent der E-Schicht konsumieren demnach regelmäßig harte Getränke. Auch gibt es einen Stadt-Land-Unterschied: In Wien trinken 44 Prozent der Spirituosenkonsumenten regelmäßig, in Niederösterreich und im Burgenland nur 28 Prozent.

Mediziner sehen derartige Daten über den Pro-Kopf-Konsum von Schnaps, Bier oder Wein kritisch: In Österreich haben rund elf Prozent der Bevölkerung - das entspricht 760.000 Menschen - einen problematischen Alkoholkonsum. Weitere 340.000 Personen gelten wissenschaftlichen Erhebungen zufolge als alkoholabhängig.

Quelle: Die Presse vom 03.01.2013

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BRD: Alkoholverbot auf Plätzen kann wirksam sein

Da andere Maßnahmen offenbar kaum Wirkung zeigen, örtlich begrenzte Alkoholverbote aber schon, werden letztere nun häufiger angewandt. Hierzu zwei Beispiele:

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer unterstützt den Vorstoß des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (beide Grüne) zu Alkoholverboten an öffentlichen Orten. "Rund um einzelne Clubs, Bars und Diskotheken halten sich fast allabendlich viele meist junge Leute stundenlang auf der Straße auf und trinken erhebliche Mengen von oft hochprozentigem Alkohol. Die Enthemmung durch den Alkohol führt dann zu gravierenden Problemen, unter denen die Anwohner stark zu leiden haben: Die Straßen sind voller Scherben, Vorgärten werden verwüstet und voll gekotzt, die Nachruhe wird gestört, es kommt zu Schlägereien mit schweren Körperverletzungen, manche Angetrunkene torkeln vor fahrende Autos", sagte Palmer der "Welt". Dies versuche die Stadt Tübingen zwar durch den verstärkten Einsatz von Sozialarbeitern oder Polizisten einzudämmen, aber diese Maßnahmen hätten "nichts gebracht". Daher sei es sinnvoll, die Möglichkeit zu schaffen, "dass Kommunen an den jeweils besonders betroffenen Stellen ein zeitlich und räumlich begrenztes Alkoholkonsumverbot in der Öffentlichkeit erlassen können, um Geldbußen verhängen zu können, die abschreckende Wirkung entfalten".

Die Stadt Göttingen registrierte im vergangenen Jahr als Folge eines lokal begrenzten Alkoholverbots 70 Prozent weniger Gewaltdelikte. Das Verbot gilt seit Mai an Wochenenden auf der als Partymeile bekannten Nikolaistraße. 2011 hatte es noch 26 Gewaltdelikte in dieser Gegend gegeben, alle wurden von Alkoholisierten verübt. 2012 registrierte die Polizei nur noch acht solcher Taten. Im November hatte das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht das Göttinger Alkoholverbot bestätigt, weil dieser Innenstadtbereich ein Wohngebiet sei und die Anwohner damit ein Recht auf Nachtruhe hätten. Verwaltungsrichter in Baden-Württemberg und Thüringen hatten ähnliche Alkoholverbote in Freiburg und Erfurt gekippt. Göttingen hat das Verbot nun um ein Jahr verlängert.

Quellen: Der Spiegel vom 07.01.2013; Die Welt vom 03.01.2013

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Österreich: Häufiger Wunsch für 2013 ist Rauchverzicht

So mancher hat ihn ja bereits gebrochen, aber immer noch ist der meistgenannte Gesundheits-Vorsatz, mit dem Rauchen aufzuhören. Ein Drittel aller heimischen Raucher - bei derzeit ca. 2,3 Millionen Nikotinkonsumenten - gibt an, mit ihrem Laster massivst unzufrieden zu sein.

Vor einigen Jahren stand der Wunsch, mit dem Rauchen aufzuhören, an vorderster Stelle der Neujahrsvorsätze. Inzwischen wollen nur noch knapp 20 Prozent der Befragten diesem Laster abschwören. Als einen Grund nennen Experten die Gewöhnung an das Thema. "Wegen des großen Zulaufs müssten wir die Aktion nicht machen", räumt der Präsident der Vorarlberger Apothekerkammer, Mag. Jürgen Rehak, ein. Trotzdem führen die Apotheken wie schon in den letzten zehn Jahren heuer erneut Raucherberatungswochen durch. Man müsse sich um jeden kümmern, der Bereitschaft zum Aufhören zeige, sieht Rehak darin auch eine "gesundheitspolitische Maßnahme".

Immerhin 80 Prozent aller Raucher, die das geschafft haben, waren mit der "Die letzte Zigarette ausdämpfen und aus"-Methode erfolgreich.

Damit das leichter umsetzbar ist, wird in Apotheken bis 31.Jänner gratis Beratung angeboten. "Die medikamentöse Hilfe mittels Nikotinersatz stellt eine wichtige Unterstützung dar", ermuntert der Präsident der österreichischen Apothekerkammer, Mag. Max Wellan, Aufhörwillige zum Durchhalten. Sorgen um die Gesundheit und finanzielle Belastungen - Raucher vernebeln bis zu 300 Euro monatlich - stehen beim Bemühen um Abstinenz im Vordergrund. Die Raucherberatungswochen in den Apotheken werden von durchschnittlich 30.000 Personen frequentiert.

Die Auswertung der Raucherberatungswochen 2011 zeigte übrigens, dass der Wunsch, sich das Rauchen abzugewöhnen, keine Frage des Alters ist. 29 Prozent der Teilnehmer waren zwischen 41 und 50 Jahre alt, 2 Prozent jünger als 20 und immerhin 2,6 Prozent älter als 70 Lenze. Die Hälfte der Aktionsteilnehmer rauchte zwischen 11 und 20 Zigaretten pro Tag.

Quellen: Kronen Zeitung vom 09.01.2013; Vorarlberger Nachrichten" 28.12.2012

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BRD: Zahl der Drogentoten auf Rekordtief

Die Zahl der Drogentoten in Deutschland erreicht in diesem Jahr den niedrigsten Stand seit mehr als 20 Jahren: Aus fast allen Ländern wurde nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur dapd ein rückläufiger Trend gemeldet. Bereits 2011 waren die Todesfälle um 20 Prozent auf 986 zurückgegangen. Demgegenüber blieb die Zahl der wegen Drogenmissbrauchs ärztlich Behandelten mit gut 60.000 unverändert hoch, wie aus dem Jahresbericht der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht hervorgeht.

Bereits seit Jahren verringert sich die Zahl der Rauschgifttoten. Experten betonen, dass die Statistiken problematisch seien, weil die Todesursache nicht immer eindeutig sei. Begründet wird der Trend mit dem Ausbau von Hilfsangeboten. Deutlich zeigte sich der Rückgang in Baden-Württemberg, wo 109 Menschen starben. 2011 waren es 127. Bayern weicht vom Trend ab: Aus Behördenkreisen verlautete, die Zahl liege über dem Niveau von 2011 mit 177 Rauschgifttoten.

Quelle: Die Welt vom 27.12.2012

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Österreich: Die Trends in der Glücksspielindustrie

Das Wirtschaftsmagazin Trend listet in der Dezember-Ausgabe 2012 Zahlen und Trends zum weltweiten Milliardengeschäft mit dem Glücksspiel auf:

  1. Steigende Erlöse. Der Umsatz der Branche lag in Österreich 2012 bei 14,2 Milliarden Euro. Weltweit werden über 323 Milliarden umgesetzt. Für das Jahr 2013 rechnen Experten mit leichten Zuwächsen.
  2. Internet-Boom. Das Spiel im Netz verzeichnet ein dynamisches Wachstum. 27 Milliarden Euro werden jährlich schon im World Wide Web erwirtschaftet.
  3. Casinos. Nach dem Stadtpaket wird das weniger lukrative Landpaket vergeben, auch stehen drei neue Konzessionen in Wien (2) und NÖ (1) zur Disposition. Die Ausschreibung erfolgt EU-weit.
  4. Facelifting. Die Zockerbranche will ihr Schmuddel-Image endgültig ablegen. Weltweit werden Milliarden in die Modernisierung von Spielerstätten investiert.
  5. Automatenspiel. Nach NÖ und OÖ werden im Burgenland und in Kärnten Lizenzen vergeben. Verboten bleibt das "Kleine Glücksspiel" vorerst in Salzburg, Tirol und Vorarlberg.
  6. Wenig Süchtige. Nur 0,6 Prozent der Österreicher sollen laut der MedUni Wien an Spielsucht leiden. Allerdings zerstört Spielsucht Existenzen.
  7. Lotto I. Die Zahl der Annahmestellen wird erhöht: 1.622 der 2.237 Vertriebsstellen werden zu Annahmestellen umgerüstet. Trafikanten fürchten die Konkurrenz.
  8. Lotto II. Das Lotteriespiel bleibt Wachstumssieger. Fast 30 Prozent der weltweiten Glücksspielerlöse entfallen auf Lotto.
  9. Facebook (FB) fördert Spiele. Auf FB hat "Texas Hold'em Poker" mit fast 59 Millionen "Likes" mehr Fans als die Sängerin Lady Gaga (rund 49 Millionen).
  10. Technologie. Das Spiel über Handy, Digital-TV und iTV-Plattformen zieht stark an.

Quelle: Format vom 20.12.2012

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BRD: Kochen als Therapie-Modul

Seit einigen Jahren wird das Konzept der Achtsamkeit von Wissenschaftlern erforscht und in Therapien eingesetzt. Kurse in achtsamem Essen haben in ersten Studien bei Patienten mit Essstörungen eine positive Wirkung gezeigt, aber auch bei gesunden Probanden, die unter Stress viel essen. Ein solches Training schult die Selbstbeobachtung, es lehrt, in sich hineinzuhorchen, um Hunger- und Sättigungssignale besser wahrzunehmen, aber auch um Mahlzeiten mehr zu genießen.

Wer das Gefühl für die Schönheit des Kochens verloren hat, kann es bei Susanne Seethaler wiederfinden. Sie gibt Kurse im "achtsamen Kochen", in ihrer wild dekorierten Küche wird der Akt der Nahrungszubereitung regelrecht zur Meditation.
Auf dem urigen Küchentisch verteilt sie wuchtige Holzbretter und Messer und bringt den Teilnehmern als Erstes bei, richtig zu schneiden (die Messerspitze bleibt auf dem Brett, die Bewegung kommt aus der Schulter). Nach kurzer Zeit sind alle versunken ins Gemüseschnippeln. Später rollen die Teilnehmer den Teig für die Chapati (indische Fladen), als ob sie Knetmasse wälzten. Sie fetten die Förmchen für die Ziegenkäse-Tartelettes mit Butter ein, die langsam zwischen ihren Fingern schmilzt.

Manche Wissenschaftler empfehlen Kochkurse sogar als ergänzende Therapie für bestimmte Patienten. Bei Essstörungen sind sie schon länger Teil der Behandlung. Aber auch andere Patienten scheinen von der eigenen Zubereitung ihrer Mahlzeiten zu profitieren. In einer kleinen Studie in einem Altenheim in den USA hatte ein therapeutischer Kochkurs positive Effekte auf Demenzkranke: Die Teilnehmer waren schon nach wenigen Wochen weniger passiv und neigten seltener zur Unruhe. Auch in einigen deutschen Demenzstationen sind Kochgruppen wichtiger Bestandteil des Therapiekonzepts, beispielsweise in der Klinik für Geriatrie am St. Marien-Hospital in Köln.

"Miteinander zu kochen trainiert nicht nur die Alltagskompetenz unserer Patienten, sondern hebt auch ihre Stimmung und fördert das soziale Miteinander", sagt Ralf-Joachim Schulz, Klinikleiter und Professor für Geriatrie an der Universität zu Köln. Die Erfahrung, als Gruppe etwas zu schaffen, eine Mahlzeit selbst zuzubereiten, sei für die Teilnehmer stimulierend und so motivierend, dass sich das auch positiv auf andere Therapiebereiche auswirke.

Diesen Effekt machen sich psychiatrische Einrichtungen zunutze. Im Universitätsklinikum Heidelberg etwa kochen neben Patienten mit beginnender Demenz auch Depressive in kleinen Gruppen Speisen für die Patientengruppe. Ziel ist es, durch das Erfolgserlebnis und die Wertschätzung durch die Bekochten das Selbstwertgefühl der Patienten zu verbessern. "Gemeinsames Kochen erlaubt ihnen, aus der grüblerischen Innenorientierung herauszutreten", sagt Sabine Herpertz, Direktorin der Klinik für Allgemeine Psychiatrie. Es lenke die Aufmerksamkeit der Patienten auf die schönen Gerüche, den Geschmack und die Ästhetik der Komposition.

Quelle: Die Zeit vom 19.12.2012

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USA: Kritischer Film über den "War on Drugs" kommt ins Kino

Ende 2012 ist in den Vereinigten Staaten der Film "Breaking the Taboo" angelaufen, Teil einer gleichnamigen Kampagne, an der Hollywoodstars, Rapper, Sportler, Wissenschaftler und die Ex-Präsidenten Clinton und Carter teilnehmen. Das Ziel: Die Amerikaner aufzuklären über die Rolle ihres Landes in einem Krieg, der in mehr Ländern tobt als der Zweite Weltkrieg.

Die schlechten Nachrichten häufen sich für die Bosse lateinamerikanischer Drogenkartelle, für die Taliban in ihren Mohnfeldern, für afrikanische Diktatoren, die ihre Macht mit Drogengeld finanzieren. Diese Nachrichten kommen aus Colorado und Washington (dem Staat, nicht der Stadt), wo die Gesetzgeber diese Woche den Besitz von Marihuana legalisierten. Sie kommen aus Portugal und Tschechien, wo die weitgehende Entkriminalisierung harter Drogen erstaunliche Erfolge zeitigt. Aus Baltimore, wo eine umsichtige Polizeitaktik den Umgang mit Beschaffungskriminellen und Kleindealern revolutioniert. Aus Cartagena, wo die Oberhäupter der amerikanischen Staaten erstmals den Krieg gegen die Drogen für gescheitert erklärten und das Ende der Prohibition forderten.

Die Vereinigten Staaten sind der wichtigste Importeur harter Drogen, und Präsident Nixon war es, der 1971 den "total war against public enemy number one" erklärte. Gegen wen sich dieser Krieg richtete, war nie klar, denn Drogen kann man nicht erschießen. Zurzeit sind amerikanische Einheiten in mindestens dreißig Staaten unterwegs, in den Wäldern von Belize oder Honduras fliegen amerikanische Drohnen und explodieren amerikanische Raketen.

An der Heimatfront, die in den Armenvierteln der Städte verläuft, verhaftet die Polizei jährlich 1,5 Millionen Menschen, und die Gerichte verurteilen sie drakonisch selbst für geringfügige Delikte. Was Gefängniskonzerne wie die "Corrections Corporation of America" in die Lage versetzt, üppige Dividenden auszuschütten, denn sie bekommen nicht nur 50 000 Dollar pro Insasse und Jahr vom Staat, sondern können die Gefangenen wie Leibeigene in Arbeitslagern ausbeuten. Die Bürgerrechtlerin Michelle Alexander nennt die Verhältnisse "nichts anderes als modernen Sklavenhandel". Gegenwärtig stehen 7,2 Millionen Menschen - mehr als drei Prozent der erwachsenen Bevölkerung - unter "züchtigender Beobachtung", wie es heißt, sie sitzen im Knast oder sind auf Bewährung draußen. Diese Menschen sind überwiegend schwarz und arm, dürfen weder wählen noch eine öffentlich geförderte Wohnung anmieten. Ohne Wohnsitz bekommen sie keinen Job. Welcher Ausweg bleibt ihnen? Sie verkaufen an der nächsten Ecke Drogen. 40 Milliarden Dollar lässt sich die Regierung dies jährlich kosten.

Die Ignoranz der Bevölkerung gegenüber dem Drogenkrieg ist grenzenlos. Weil ständig andere amerikanische Kriege wichtiger erscheinen. Weil die meisten Opfer dieses Krieges der Unterschicht angehören, deren Schicksal die Medien selten zum Thema machen. Doch seit einigen Monaten breitet sich die Diskussion aus den Fachzeitschriften der Kriminologen und Soziologen in die Massenmedien aus. Im Oktober schilderte Eugene Jareckis exzellente Filmdokumentation "The House I Live In", wie der Krieg gegen Drogen von Anfang an als Krieg gegen die Armen konzipiert war. Ein Richter erzählt unter Tränen, wie er Hunderte junge schwarze Männer für 15 Jahre und mehr in den Knast schicken musste, obwohl sie nur ein paar Gramm Crack in der Tasche hatten. Ein Gefängniswärter erklärt das Geschäftsmodell seiner Branche: Unternehmen wie CCA offerieren einer strukturschwachen Gemeinde Hunderte Arbeitsplätze in einem neuen Knast. Die Gemeindevertreter versprechen: "Wenn ihr den Knast baut, werden wir ihn schon füllen." Die meisten Bundesstaaten geben inzwischen mehr Geld für Gefängnisse aus als für Universitäten.

"The House I Live In" inspirierte eine Debatte, in die sich sogar Entertainmentzeitschriften wie das "New York Magazine" einschalteten: "Das Ende der Prohibition - der geregelte Rückzug im weltweiten Krieg gegen die Drogen" stand vor zwei Wochen auf der Titelseite.

Guatemalas Präsident Otto Pérez Molina hatte die Diskussion beim Amerika-Kongress in Cartagena angeschoben: "Wir müssen alle ideologischen Positionen wie die Prohibition aufgeben. Wir brauchen eine realistische Politik, wir brauchen eine Regulierung des Drogengeschäfts." Wenn ein Mann wie Pérez so etwas sagt, sollten amerikanische Politiker aufhorchen. In den achtziger Jahren hatte Pérez den Drogenkrieg auf amerikanischen Befehl in seinem Land als General angeführt. Seine Taktik der verbrannten Erde, finanziert von den Vereinigten Staaten und unterstützt von amerikanischen Soldaten, gipfelte in den Militärschlägen im Ixil-Dreieck Ende 1982. Bei der Attacke starben 2744 Menschen, die angeblich in den Drogenhandel verwickelt waren.

Dreißig blutige Jahre später steht Guatemala vor dem Kollaps: Drogengeld kontrolliert alle gesellschaftlichen Institutionen, Kartelle beherrschen zwei Drittel des Landes, die Mordrate in Guatemala City wird nur übertroffen von der in Tegucigalpa, Hauptstadt von Honduras. Viel wurde berichtet über die 60 000 Toten, die Mexiko im Drogenkrieg seit 2000 beklagt. Wenig ist bekannt darüber, dass die mexikanischen Kartelle nach Süden drängen und die Mordrate in Ländern wie Guatemala auf das Zehnfache Mexikos treiben. Als im Frühjahr etwa achtzig mit Macheten zerstückelte Frauen und Kinder gefunden wurden, hatte Pérez offenbar genug. Der Hardliner gab seine proamerikanische Position auf. "Es geht so nicht weiter", sagte er ausgerechnet auf Fox News: "Gewalt können wir nicht mit noch mehr Gewalt bekämpfen. Wir müssen die Nachfrage für Drogen aus Amerika drosseln." Er verwies auf eine Studie der "Global Commission of Drug Policy": "Wann immer Polizei und Militär ein Kartell zerschlagen, wird es von einem anderen ersetzt; wenn sie eine Coca-Plantage zerstören, steigt kurzfristig der Coca-Preis, so dass noch mehr Farmer Coca anbauen."

Hauptakteur im War of Drugs ist die Drug Enforcement Administration (DEA).
Mehr als zehntausend Angestellte arbeiten in 64 Ländern für die DEA, und selten sind die Motive und Maßnahmen durchschaubar. Die Bilanz nach 39 Jahren: Drogen sind so billig wie nie, ihre Hersteller so mächtig, dass sie Regierungen kontrollieren; Banken speisen ungehindert jährlich eine halbe Billion Narco-Dollars ins internationale Finanzsystem ein. Wenn sich nichts ändert, wird Ronald Reagans Prognose wahr: "Dieser Krieg wird hundert Jahre dauern. Oder länger."

Ein Ort, der Hoffnung macht, ist ausgerechnet Baltimore, dessen infernalische Drogenszene die Serie "The Wire" inspirierte und in der die Polizei es 2005 fertigbrachte, 108 000 von 660 000 Einwohnern zu verhaften. Ein Commander namens Frederick Bealefeld sah, dass die Gefängnisse überfüllt waren, sich die Lage auf den Straßen aber nicht besserte und mehr als 300 Morde passierten. Bealefeld änderte die Taktik: Er ließ nicht länger Kleinkriminelle festnehmen, sondern konzentrierte sich auf polizeibekannte Gewalttäter. Straßendealer ließ er unbehelligt. Außerdem überzeugte er die Stadt 2007, an Brennpunkten Therapie anzubieten. 2011 gab es 196 Morde, die Polizei nahm nur noch 65 000 Bürger fest. Laut Professor Peter Reuter von der University of Maryland sinkt die Zahl der Süchtigen in Baltimore seit Bealefelds Revolution kontinuierlich. "Die alten Drogenkranken sterben weg", sagt Reuter, "und weniger junge Leute verfallen der Sucht, weil sie nicht in den Teufelskreis der Strafverfolgung geraten." Für alle, die ihr Geld mit Drogen und dem Krieg gegen Drogen verdienen, ist das keine gute Nachricht.

International deutet sich schon seit einiger Jahren ein drogenpolitischer Richtungswechsel an. Eine bereits 2011 in England veröffentlichte Expertise stellt diese Entwicklung überblicksweise dar.

Quelle: Frankfurter Allgem. Sonntagszeitung vom 09.12.2012

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